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59. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) e.V.
01.-03.10.2025
Hannover

Meeting Abstract

Partizipation in der klinischen Versorgungsforschung: Erkenntnisse aus dem Projekt DELTA-PIA

Sandy Scheibe - Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland
Karen Voigt - Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland
Rettich Annika - Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland
Rennert Melanie - Universität Leipzig, Institut für Allgemeinmedizin, Leipzig, Deutschland
Deutsch Tobias - Universität Leipzig, Institut für Allgemeinmedizin, Leipzig, Deutschland
Bleckwenn Markus - Universität Leipzig, Institut für Allgemeinmedizin, Leipzig, Deutschland
Schübel Jeannine - Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Bereich Allgemeinmedizin, Dresden, Deutschland

Text

Hintergrund: Verordnungen von Arzneimitteln, die medizinisch nicht notwendig sind, gefährden die Arzneimitteltherapiesicherheit von Patient:innen (Pat.) und belasten das Gesundheitssystem. Ein Beispiel ist die Verordnung von Levothyroxin (LTX) bei Pat. mit latenter Hypothyreose (LH) oder unklarer Indikation. Entsprechend der Leitlinie kann bei LH ein Absetzversuch erwogen werden, jedoch fehlt ein etabliertes Vorgehen in der hausärztlichen Versorgung.

Zielsetzung/Fragestellung: Es wird untersucht, inwiefern ein partizipativer Ansatz zur Entwicklung einer klinischen Absetzstudie beitragen kann.

Material und Methoden: Im qualitativ-partizipativen Projekt DELTA-PIA wurden von März-Oktober 2024 Fokusgruppen und Workshops mit Hausärzt:innen (HÄ) und Pat. mit LH durchgeführt. In den Fokusgruppen wurden zentrale Barrieren und Förderfaktoren beim LTX-Absetzen ermittelt und priorisiert, während in den Workshops eine Absetzstrategie, ein umsetzbares Studiendesign und relevante patientenbezogene Endpunkte für eine Wirksamkeitsstudie erarbeitet wurden. Die Veranstaltungen wurden protokollarisch dokumentiert und mittels deduktiver Inhaltsanalyse ausgewertet.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 7 Fokusgruppen und 3 Workshops durchgeführt (HÄ: N=17, Pat.: N=17). Die ermittelten Motivationen und Barrieren für das LTX-Absetzen waren emotional (Angst, Hoffnung), kognitiv ([Nicht-]Wissen, z.B. zu LTX-Nebenwirkungen) oder ökonomisch (Zeitressourcen) begründet. Die wichtigsten priorisierten Absetz-Motivationen beider Zielgruppen waren die Reduktion der Nebenwirkungen & Tablettenlast. Zusätzlich nannten HÄ die Entpathologisierung gesunder Pat. Zentrale Absetz-Barrieren waren der zeitliche Mehraufwand und Patientenbedenken. Pat. äußerten eine grundsätzliche Absetzbereitschaft, reflektierten aber auch Sorgen um mögliche Symptomzunahmen und zur Notwendigkeit der Medikationsumstellung ohne spürbaren Bedarf. Die darauf aufbauend entwickelte Absetzstrategie beinhaltet ein strukturiertes Absetzschema für HÄ inkl. notwendiger Laborwertkontrolltermine und Exit-Strategie bei Misserfolg.

Diskussion: Der partizipative Ansatz erweist sich für die Studienplanung als Gewinn, da eine bedarfsorientierte Entwicklung des Studiendesigns erfolgen kann: z.B. bei Interventionsentwicklung, Auswahl der Studienpopulation oder Gestaltung der Aufklärungs-/Beratungsmaterialien für Pat. und HÄ.

Take Home Message für die Praxis: Das LTX-Absetzen ist für alle Betroffenen ein ambivalentes Thema, dem sensitiv begegnet werden muss. Daher bleibt der kontinuierliche Einbezug beteiligter Zielgruppen in die Studiendesignentwicklung entscheidend.