Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung
Welchen Einfluss haben Kontaktinterventionen im Jahr 5 Psychiatriepraktikum für Medizinstudierende auf soziale Emotionen? Eine Machbarkeitsstudie mit einem sozialpsychologischen Modell zum Stereotyp-Emotions-Verhaltens-Zusammenhang
Text
Fragestellung/Zielsetzung: Interventionen, die auf der Kontakthypothese basieren, bauen Stereotype und Vorurteile ab, die in der Gesellschaft und bei Fachpersonen u.a. gegenüber Personen mit psychiatrischer Diagnose (PmPD) existieren und zu Diskriminierung führen [1]. Interventionseffekte sind aufgrund verschiedener theoretischer Zugänge und Messverfahren schwer zu operationalisieren. Gemäß sozialpsychologischer Vorurteilsforschung prädizieren die sozialen Emotionen „Bewunderung“, „Mitleid“, „Verachtung“ und „Neid“ Verhaltensabsichten besser als Stereotype [2], daher schlagen wir soziale Emotionen als weitere Outcomevariable vor. Da dieser Forschungsansatz mit Fremdberichten arbeitet, z.B. indem Emotionen der Gesellschaft gegenüber PmPD eingeschätzt werden [3], werden hier die Adjektivskalen für soziale Emotionen (SES) [2], [3], als Online-Selbstbericht für Medizinstudierende überprüft und die Wirkung von passivem vs. aktivem professionellem Kontakt auf soziale Emotionen untersucht.
Methoden: Der E-Mail-Einladung des Studiensekretariats zur anonymen Teilnahme an der Online-Befragung folgten 101 Studierende (17%, w:58%). Erfragt wurde Vertrautheit mit PmPD (5 ja/nein Fragen), erlebter professioneller Kontakt während der Ausbildung (2 Wahlfragen) und Erkenntnisse aus dem Praktikum (2 Fragen). Eingeschätzt wurden erlebte soziale Emotionen gegenüber PmPD mit den SES (2 Adjektive/Skala) sowie 23 weiteren Emotionsadjektiven (Skala 1/gar nicht -5/äußerst).
Ergebnisse: Die vier SES erwiesen sich im Selbstbericht als reliabel, nachdem den Skalen „Bewunderung“, „Mitleid“ und „Verachtung“ jeweils ein Adjektiv hinzugefügt wurde (α3-items=0,68; 0,59; 0,55; M/SD=2,32/0,86; 3,39/0,82; 1,24/0,28; Neid, α2-items=0,64; M/SD=1,29/0,51). Mehr passiver Kontakt (z.B. Beobachten) geht mit mehr „Mitleid“ einher (R2=0,08; p=0,02/β=0,23; p=0,03), mehr aktiver Kontakt (z.B. Aufnahmegespräch führen) mit höherer „Bewunderung“ (R2=0,05; p=0,06/β=0,18; p=0,08), beide Effekt sind klein. Erkenntnisgewinn korrespondiert mit höheren Werten für „Mitleid“ und „Bewunderung“ und erhöht R2 beider Modelle signifikant. (R2=0,14/R2=0,13).
Diskussion: Mit den vorgestellten Skalen liegen erstmals reliable, deutschsprachige Online-Selbstbericht Instrumente für soziale Emotionen vor. Der Ausprägungsgrad von „Mitleid“ (mittel), „Bewunderung“ (eher niedrig) und „Neid“ (sehr niedrig) gegenüber PmPD im studentischen Selbstbericht ähnelte fremdberichteten Reaktionen in einem US-Sample (Mechanical Turk) [3]. Hingegen war der Grad der „Verachtung“ im studentischen Selbstbericht geringer ausgeprägt. Aktive und passive Kontaktinterventionen korrelieren mit sozialen Emotionen auf unterschiedliche Weise.
Take Home Message: Die theoriegeleitete Weiterentwicklung von Kontaktinterventionen in der Lehre sind anhand des Modells zum Stereotyp-Emotion-Verhaltens Zusammenhang möglich. Die Selbstbericht-SES eignen sich zur Evaluation eines Effekts in zukünftigen prä-post Studien.
References
[1] Maunder RD, White FA. Intergroup contact and mental health stigma: A comparative effectiveness meta-analysis. Clin Psychol Rev. 2019;72:101749. DOI: 10.1016/j.cpr.2019.101749[2] Cuddy AJ, Fiske ST, Glick P. The BIAS map: behaviors from intergroup affect and stereotypes. J Pers Soc Psychol. 2007;92(4):631-648. DOI: 10.1037/0022-3514.92.4.631
[3] Sadler MS, Kaye KE, Vaughn AA. Competence and warmth stereotypes prompt mental illness stigma through emotions. J Appl Soc Psychol. 2015;45(11):602-612. DOI: 10.1111/jasp.12323



