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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Anwesenheit im Medizinstudium als komplexes Phänomen: Komplexitätsorientierte Analyse studentischer Entscheidungsprozesse mit SenseMaker®

Christoph Schindler - Universität Augsburg, DEMEDA (Department of Medical Education Augsburg), Augsburg, Deutschland
Waltraud Georg - Universität Augsburg, DEMEDA (Department of Medical Education Augsburg), Augsburg, Deutschland
Thomas Rotthoff - Universität Augsburg, Lehrstuhl für Medizindidaktik und Ausbildungsforschung, DEMEDA (Department of Medical Education Augsburg), Augsburg, Deutschland

Text

Hintergrund: Anwesenheit im Medizinstudium wird international kontrovers diskutiert. Studien berichten widersprüchliche Entwicklungen der Anwesenheitsraten sowie uneinheitliche Zusammenhänge zwischen Anwesenheit, Lehrformaten und Leistungsoutcomes [1]. Diese Studie analysiert Anwesenheitsentscheidungen als komplexes, kontextabhängiges Phänomen situativer Abwägungsprozesse [2]. Ziel war es, anhand narrativer Entscheidungsbeschreibungen und anschließender Positionierung in Dreiecksfeldern (Triaden) Muster im Zusammenspiel zentraler Einflussbereiche zu identifizieren.

Methoden: In einem querschnittlichen Design beschrieben Medizinstudierende eines Modellstudiengangs 435 konkrete Anwesenheitsentscheidungen als Mikro-Narrative und positionierten diese in drei Triaden: T1 Entscheidungskontext, T2 Veranstaltungsmerkmale, T3 Lernorientierung (SenseMaker® [3]). Jede Triade bildet drei Einflussbereiche als Dreiecksfeld ab (siehe Abbildung 1 [Abb. 1] für T1). Zonenverteilungen wurden mit χ²-Anpassungstests (Cohens w) geprüft, triadenübergreifende Zusammenhänge mit χ² und Cramérs V analysiert.

Abbildung 1: Zonenverteilung der triadischen Selbst-Signifizierungen in Triade 1 (Entscheidungskontext)
Die Abbildung zeigt die Verteilung der 435 narrativ beschriebenen Anwesenheitsentscheidungen in der Triade „Entscheidungskontext“. Die drei Pole repräsentieren Motivation, Rahmenbedingungen und persönliche Ressourcen. Jeder Punkt steht für eine Entscheidungssituation; seine Position im Dreieck drückt die relative Gewichtung der drei Einflussbereiche aus (nahe einer Ecke=stark handlungsleitend; am Rand zwischen zwei Ecken=beide relevant; in der Mitte=alle drei ähnlich wichtig). Farblich differenziert sind Hingeh- und Nicht-Hingeh-Entscheidungen.

Ergebnisse: Die Zonenverteilungen wichen in allen drei Triaden signifikant von einer Gleichverteilung ab (T1 w=0,31; T2 w=0,20; T3 w=0,64). In T1 waren „Persönliche Ressourcen“ (21%) und „Ressourcen ↔ Rahmenbedingungen“ (19%) überrepräsentiert; motivationsgeleitete Entscheidungen zeigten die höchste Anwesenheitsrate (82%). In T2 dominierte „Organisation“. In T3 war „Prüfungen“ am häufigsten (33%) als handlungsleitend angegeben, während Interesse (7%) und ärztliche Kompetenz (6%) kaum vorkamen.

Triadenübergreifend zeigten sich zwei klar unterscheidbare Muster:

  1. Motivationsgeleitete Entscheidungen mit konsistent hoher Anwesenheit,
  2. ressourcen-/rahmenbedingungsgeprägte Entscheidungen im Zusammenhang mit Organisationsfokus (T2) und Prüfungsorientierung (T3), mit niedrigerer Anwesenheit (Cramérs V=0,52–0,56).

Im zweiten Studienjahr zeigte sich der höchste Prüfungsfokus (45%).

Diskussion Die Befunde stützen ein komplexitätssensitives Verständnis von Anwesenheit [2]: Teilnahmeentscheidungen entstehen aus der situativen Gewichtung mehrerer Einflussbereiche und zeigen auf Studiengangsebene statistisch signifikante Häufungen unterscheidbarer Entscheidungsmuster. Der Mehrwert liegt in der Identifikation solcher Muster, die differenzierte Ansatzpunkte für Interventionen eröffnen. Da Anwesenheit kontextabhängig ist, können diese Muster zwischen Standorten variieren; übertragbar ist der theoretisch-methodische Zugang, nicht die konkrete Verteilung.

Take-Home-Messages:

  • Anwesenheitsentscheidungen entstehen aus der situativen Gewichtung mehrerer Entscheidungsdimensionen.
  • Zwei klar unterscheidbare studentische Entscheidungsmuster mit unterschiedlichen Anwesenheitsraten zeigten sich triadenübergreifend.
  • Mikro-Narrative und triadische Selbst-Signifizierung mit SenseMaker® machen relationale Muster sichtbar.
  • Übertragbar ist der Analysezugang – nicht die konkrete Musterverteilung.

References

[1] Nagappan PG, Tan SR, Absar S, Brown S, Sayers S, McManus A, Arora A, Kuhn I, Khan F, Lau E. Changes in medical student attendance at in-person teaching sessions: a systematic review. BMJ Open. 2025;15(5):e091768. DOI: 10.1136/bmjopen-2024-091768
[2] Ogden K, Kilpatrick S, Elmer S. Examining the nexus between medical education and complexity: a systematic review to inform practice and research. BMC Med Educ. 2023;23(1):494. DOI: 10.1186/s12909-023-04471-2
[3] van der Merwe SE, Biggs R, Preiser R, Cunningham C, Snowden DJ, O’Brien K, Jenal M, Vosloo M, Blignaut S, Goh Z. Making Sense of Complexity: Using SenseMaker as a Research Tool. Systems. 2019;7(2):25. DOI: 10.3390/systems7020025