Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Interkulturelle Kompetenz in MC-Fragen fakultätsübergreifend prüfen
Text
Hintergrund/Fragestellung: Interkulturelle Kompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für eine gerechte, diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung. Die Vervierfachung an Artikeln in der letzten Dekade (PubMed) zeigt die zunehmende Relevanz. In der medizinischen Ausbildung besteht jedoch eine Lücke zwischen dem normativen Anspruch an Diversitäts- und Inklusionskompetenzen und deren systematischer, fairer Abbildung in großskaligen Prüfungsformaten. Multiple Choice Fragen mit Fallvignetten sind ein etabliertes kompetenzorientiertes Prüfungsformat, dessen Potential auch für interkulturelle Kompetenzen genutzt werden sollte.
Inwieweit ist die Erfassung interkultureller Aspekte in MC-Fragen möglich und welche Herausforderungen ergeben sich?
Methoden: An 18 deutschen Fakultäten wird der ProgressTest (PT) für Medizinstudierende jährlich durchgeführt. Seit 2024 wurden interkulturelle Fragen eingesetzt, teststatistisch analysiert und in qualitativen evaluiert. Die interkulturellen Items wurden über alle Themenbereiche integriert und mit medizinischen Inhalten verknüpft. Die Erstellung und der qualitätssichernde Review der Items erfolgte in nationalen und internationalen Expertenteams (Philippinen, Spanien, Malaysien, Ukraine). Der PT wird mittels der UCAN-TELL Plattform digital umgesetzt.
Ergebnisse: 1.626 Studierende aus den Studienjahren 1-6 füllten seit 2024 interkulturelle MC Fragen aus. Die Trennschäfte liegt 2025 zwischen 0,37 und 0,68. Die mittlere Item-Schwierigkeit beträgt 0,58.
Die longitudinale Integration interkultureller Aspekte in den Progress Test ist praktikabel und anschlussfähig an den bestehenden Blueprint. Gleichzeitig zeigt sich ein erhöhter Entwicklungsaufwand bei der Itemkonstruktion, um Stereotypisierungen zu vermeiden und klinische Relevanz sicherzustellen. Interkulturelle Aspekte werden von Studierenden unterschiedlich bewertet und begründet. Das antwortfokussierte Feedback gewinnt dadurch an Bedeutung. Die Auswertung zeigt kaum Progress über die Studienjahre, was ein Indiz ist für die uneinheitliche Vermittlung und fehlender curriculare Verankerung ist.
Diskussion: Die Standardisierung interkultureller Inhalte in Prüfungen bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Generalisierbarkeit und Kontextsensitivität. Antwortfokussiertes Feedback bietet die Möglichkeit, Interpretationsspielräume und kulturellen Bias zu adressieren, indem Distraktoren transparent erläutert und evidenzbasiert eingeordnet werden. Internationale, multiperspektivische Reviewverfahren sind ein zentraler Hebel zur Reduktion von Bias und Stereotypisierung.
Take-Home-Messages:
- Interkulturelle Kompetenz kann fakultätsübergreifend in standardisierte Progress-Tests integriert werden.
- Reflektierte Itemkonstruktion und internationale Reviews sind essenziell, um Stereotypisierung zu vermeiden und klinische Relevanz sicherzustellen.
- Die systematische Stärkung interkultureller Kompetenz in der medizinischen Ausbildung bedarf der Verankerung in Curricula und Prüfungen.
References
[1] Merse S. Andere Länder, andere Sitten … erkennen, verstehen und deuten. Kultursensible Kommunikation. In: Jünger J, editor. Ärztliche Kommunikation. Praxisbuch zum Masterplan Medizinstudium 2020. Stuttgart: Schattauer; 2018. p.451-453.[2] Hamilton J. Intercultural competence in medical education - Essential to acquire, difficult to assess. Med Teach. 2009;31(9):862-865. DOI: 10.1080/01421590802530906
[3] Rukadikar C, Mali S, Bajpai R, Rukadikar A, Singh AK. A review on cultural competency in medical education. J Fam Med Prim Care. 2022;1(8): 4319-4329. DOI: 10.4103/jfmpc.jfmpc_2503_21



