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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Visuelle Explorationsmuster von Medizinstudierenden spiegeln ihr Lernpotential wider: Eine Eye-Tracking-Studie in der Histologie

Anastasia Samoukina - Universität Münster, Institut für Anatomie, Münster, Deutschland
Dogus Darici - Universität Münster, Institut für Anatomie, Münster, Deutschland

Text

Hintergrund/Fragestellung: Das Erkennen histologischer Gewebeschnitte erfordert spezialisierte visuelle Expertise, die schrittweise erworben wird [1]. Die vorliegende Studie untersuchte, ob Blickbewegungsmuster von Medizinstudierenden ihr individuelles Lernpotential nach Vygotskys Konzept der Zone der proximalen Entwicklung [2] widerspiegeln. Dabei wurden drei Entwicklungszonen unterschieden: die Zone der tatsächlichen Entwicklung (ZAD), in der Aufgaben selbstständig gelöst werden, die Zone der nächsten Entwicklung (ZPD), in der Aufgaben mit Unterstützung bewältigt werden, und die Zone der distalen Entwicklung (ZDD), in der Aufgaben auch mit Hilfestellung nicht lösbar sind.

Methoden: Insgesamt 29 Medizinstudierende unterschiedlicher Fachsemester bearbeiteten 15 histologische Erkennungsaufgaben zu drei Themenbereichen (Gastrointestinaltrakt, exokrine Drüsen, lymphatische Organe) während ihre Blickbewegungen mittels einer Eye-Tracking-Brille aufgezeichnet wurden. Die Zonenzuordnung erfolgte über ein adaptives Z-Wert-System, das auf der Anzahl genutzter Hinweise basierte. Analysiert wurden Fixationsanzahl, Fixationsdauer, Scanpfadlänge, Fixationsdispersion sowie die Revisitationsrate – jeweils für frühe und späte Betrachtungsphasen eines jeden Stimulus.

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen systematische Unterschiede zwischen den Zonen: ZAD-Lernende wiesen längere Scanpfade und eine höhere Fixationsdispersion auf, was auf eine strategische Exploration des Gesamtbildes hindeutet. ZDD-Lernende zeigten längere einzelne Fixationen, insbesondere in frühen Betrachtungsphasen, was auf längere Verarbeitungsprozesse hinweist. ZPD-Lernende zeichneten sich durch eine erhöhte Revisitationsrate zu Beginn der Betrachtung aus, was wiederholte Vergleichsprozesse und aktive Wissenskonstruktion widerspiegelt.

Diskussion: Diese Befunde legen nahe, dass Blickbewegungsmuster diagnostisch genutzt werden können, um die individuelle Lernzone von Studierenden in der Histologie zu identifizieren. Die Erkenntnisse bieten Potenzial für die Entwicklung adaptiver, blickbasierter Lernsysteme, die Lehrende in der Einschätzung des Lernstands unterstützen und eine gezielte Förderung im Bereich der medizinischen Bildgebungsdiagnostik ermöglichen.

Take-Home-Messages:

  1. Blickbewegungsmuster verraten, auf welchem Lernstand sich Medizinstudierende in der Histologie befinden – je nach Zone schauen Lernende anders.
  2. Eye-Tracking könnte künftig als diagnostisches Werkzeug im medizinischen Unterricht eingesetzt werden, um Studierende gezielt und individuell zu fördern.

References

[1] Darici D, Flägel K, Sternecker K, Missler M. Transfer of learning in histology: insights from a longitudinal study. Anat Sci Educ. 2024;17(2):274-286. DOI: 10.1002/ase.2363
[2] Vygotsky LS. Mind in Society: The Development of Higher Psychological Processes. Cambridge, MA: Harvard University Press; 1978.