Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Meine Geschichte für Dich – ein patientenzentriertes Lehrkonzept zur ganzheitlichen Ausbildung von Medizinstudierenden
Text
Problembeschreibung/Zielsetzung: Studien zeigen, dass Ärzt*innen Patient*innen häufig früh unterbrechen, Anliegen unvollständig explorieren und Empathie im Verlauf der Ausbildung eher abnimmt [1]. Gleichzeitig ist Empathie ein zentraler Prädiktor für Patient*innenzufriedenheit, Adhärenz und Behandlungsqualität, wird jedoch im Medizinstudium selten gezielt und longitudinal gefördert [2].
Ziel war die Entwicklung eines Lehrformats, das Empathie und Perspektivübernahme durch narrative Techniken stärkt und Patient*innen als aktive Mitglieder des Lehrteams einbindet [3]. Das Format sollte semesterübergreifend zugänglich und früh im Studium implementierbar sein.
Projektbeschreibung/Evaluationsmethoden: Ergebnis dieser Entwicklung ist das Wahlfach „Meine Geschichte für Dich“, ein patientenzentriertes Lehrformat, das Studierenden die Lebensrealität chronisch kranker Kinder und ihrer Familien näherbringt. Es sensibilisiert für soziale, emotionale und gesellschaftliche Dimensionen von Krankheit und Behinderung.
Kernstück ist ein von Studierenden geführtes Interview mit Patient*innen und Angehörigen, aus dem Kurzfilme entstehen. Vorbereitet wird dies durch eLearning und Präsenzseminare zu Haltung, empathischer Gesprächsführung und Filmproduktion. Nach dem Interview erfolgt eine strukturierte Reflexion mit Ableitung von Konsequenzen für das eigene ärztliche Handeln. Den Abschluss bildet eine öffentliche Filmpremiere gemeinsam mit den Familien.
Das Projekt fördert eine ganzheitliche ärztliche Haltung, Respekt und Perspektivübernahme. Zugleich bietet es Familien eine aktive Rolle im Lehrprozess und eine Plattform, ihre Sichtweisen auf Kommunikation, Inklusion und Alltag einzubringen.
Ergebnisse: Bisher wurden 5 Seminardurchgänge mit insgesamt n=40 Studierenden durchgeführt; es entstanden 21 Kurzfilme. Die Rückmeldungen zeigen eine hohe Zufriedenheit und wahrgenommene Relevanz. Besonders hervorgehoben werden die authentische Begegnung und die Reflexionsphasen.
Die Auswertung der ATDP-Prä-/Post-Daten erfolgt bis zum Kongress und ermöglicht eine explorative Analyse einstellungsbezogener Veränderungen.
Diskussion: Das Format adressiert affektive Lernziele durch narrative, erfahrungsbasierte Elemente und die partizipative Einbindung von Patient*innen. Die hohe Akzeptanz spricht für die curriculare Anschlussfähigkeit; belastbare Aussagen zu Einstellungsveränderungen stehen noch aus. Limitationen sind kleine Stichproben, Selbstberichtmaße und fehlende Langzeitdaten.
Die große Bereitschaft der Patient*innen und Familien zur Mitwirkung sowie der gemeinsame Besuch der Filmpremieren verdeutlichen die Wertschätzung und den partizipativen Charakter des Formats.
Take-Home-Messages:
- Empathie ist lehr- und lernbar – aber nicht durch Vorlesungen.
- Narrative Begegnung + Reflexion sind Schlüsselmechanismen affektiven Lernens.
- Patient*innen als Teil des Lehrteams erhöhen Wirkung und Glaubwürdigkeit.
- Frühzeitige Implementierung im Studium ist sinnvoll und machbar.
References
[1] Neumann M, Edelhäuser F, Tauschel D, Fischer MR, Wirtz M, Woopen C, Haramati A, Scheffer C. Empathy decline and its reasons: a systematic review of studies with medical students and residents. Acad Med. 2011;86(8):996-1009. DOI: 10.1097/ACM.0b013e318221e615[2] Swedlund MP, Schumacher JB, Young HN, Cox ED. Effect of communication style and physician-family relationships on satisfaction with pediatric chronic disease care. Health Commun. 2012;27(5):498-505. DOI: 10.1080/10410236.2011.616632
[3] Charon R. The patient-physician relationship. Narrative medicine: a model for empathy, reflection, profession, and trust. JAMA. 2001;286(15):1897-1902. DOI: 10.1001/jama.286.15.1897



