Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Entwicklung und psychometrische Überprüfung eines Fragebogens zur Erfassung professioneller (ärztlicher) Haltung in der medizinischen Ausbildung (Lübecker Haltungsinventar, LHI-8)
Text
Hintergrund/Fragestellung: Professionelle ärztliche Haltung als zentraler Bestandteil der Professional Identity Formation (PIF) in der medizinischen Ausbildung, beschreibt den Prozess, in dem Studierende Werte, Haltungen und Selbstverständnis des ärztlichen Berufs internalisieren [1]. Trotz ihrer curricularen Relevanz fehlen kurze, theoriegeleitete Instrumente zur Erfassung professioneller Haltung [2]. Daher war Ziel der Studie die Entwicklung und psychometrische Überprüfung eines 8-Item-Instruments zur Erfassung professioneller (ärztlicher) Haltung in der medizinischen Ausbildung.
Methoden: Die Datenerhebung erfolgte als Online-Befragung bei Medizinstudierenden im 3. Studienjahr (N=197) im Wintersemester 2025/2026. Es wurde ein 8-Item-Fragebogen (Lübecker Haltungsinventar, LHI-8) entwickelt, dessen Inhalte aus dem Lübecker Wertekanon [3] abgeleitet wurden. Die Items wurden auf einer 6-stufigen Likert-Skala (1=„stimme voll zu“ bis 6=„stimme gar nicht zu“) beantwortet. Zur psychometrischen Prüfung wurden Itemkennwerte sowie eine explorative Faktorenanalyse (Hauptkomponentenanalyse, Varimax-Rotation) durchgeführt. Die interne Konsistenz wurde mittels Cronbachs α bestimmt. Die diskriminante Validität wurde anhand der Variable Geschlecht geprüft.
Ergebnisse: Die Rücklaufquote lag bei 71% (n=139). Weiblich waren 60% (n=83). Das mittlere Alter lag bei 23,6 Jahre (±3,35). Die Verteilungscharakteristika der Items wiesen überwiegend rechtsschiefe Verteilungen auf. Die explorative Faktorenanalyse ergab eine Zwei-Faktorenlösung (Faktor 1 „Beeinflussung durch Patientenmerkmale“ und Faktor 2 „Wahrgenommene ärztliche Haltung“) mit einer aufgeklärten Varianz von 54%. Die interne Konsistenz der Gesamtskala lag bei einem Cronbachs α=0,713 und für die Subskalen bei 0,692 (F1) und 0,605 (F2). Bezüglich der diskriminanten Validität zeigten sich mittels Spearman-Rho Korrelation keine signifikanten Unterschiede in den einzelnen Items.
Diskussion: Das LHI-8 stellt ein kurzes Instrument zur Erfassung der PIF in der medizinischen Ausbildung dar, welches effizient in die zukünftige Lehrevaluation integriert werden kann. Die zweidimensionale Struktur unterstreicht die Differenzierung zwischen wahrgenommener Haltung und externer Beeinflussung. Limitationen bestehen in dem monozentrischen Design. Zukünftig sollte ein weiteres geeignetes Instrument integriert werden, um die konvergente Validität zu prüfen.
Take-Home-Messages:
- Das LHI-8 stellt ein effizientes Instrument zur Erfassung der PIF in der medizinischen Ausbildung dar.
- Erste psychometrische Kennwerte weisen auf eine gute interne Konsistenz und eine zweidimensionale Faktorenstruktur hin.
- Das Instrument eignet sich als Reflexions- und Evaluationshilfe in der curricularen Lehre zur Förderung professioneller Identitätsentwicklung.
References
[1] Cruess RL, Cruess SR, Boudreau JD, Snell L, Steinert Y. A schematic representation of the professional identity formation and socialization of medical students and residents: a guide for medical educators. Acad Med. 2015;90(6):718-725. DOI: 10.1097/ACM.0000000000000700[2] Roos M, Pfisterer D, Krug D, Ledig T, Steinhäuser J, Szecsenyi J, Goetz K. Adaptation, psychometric properties and feasibility of the Professionalism Scale Germany. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 2016;113:66-75. DOI: 10.1016/j.zefq.2016.04.002
[3] Westermann J. Was ich bedenken will. Lübeck: Universität zu Lübeck; 2018. Zugänglich unter/available from: https://www.uni-luebeck.de/vernetzung2018/was-ich-bedenken-will.html



