Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Bedarfe an eine digitale Lernplattform zum Aufbau kultursensibler Kompetenzen in der generalistischen Pflegeausbildung – eine qualitative Expert*innenerhebung
Text
Hintergrund/Fragestellung: Der Bedarf an Pflegefachpersonen in Deutschland nimmt zu. Um diesen Bedarf zu decken, rücken internationale Pflegefachpersonen zunehmend in den Fokus. Zudem haben 29 Prozent der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte. Auch diese Bevölkerungsgruppen erreichen ein höheres Lebensalter und werden pflegebedürftig [1]. Mit der wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt können ohne ausreichende Kenntnisse und kultursensible Kompetenzen, Missverständnisse entstehen [2], [3]. Ziel der Erhebung war es, Lernbedarfe und -bedingungen zum Themenfeld zu explorieren, um didaktische Ableitungen zur Entwicklung einer digitalen Lernplattform zu generieren.
Methoden: In einem qualitativen Ansatz wurden zwischen Oktober und Dezember 2024 sechs leitfadengestützte Expert*inneninterviews mit Pflegefachpersonen aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Berlin durchgeführt. Eingeschlossen wurden Pflegefachpersonen mit mehrjähriger Berufserfahrung. Der Leitfaden wurde iterativ durch Peer-Group-Sicherung entwickelt, getestet und angepasst. Zentrale Kategorien waren E-Learning und kultursensible Pflege sowie interkulturelle Erlebnisse und inhaltliche und technische Wünsche an eine digitale Lernplattform zur Vermittlung kultursensibler Kompetenzen in der Pflege. Die Interviews wurden vollständig transkribiert und mittels strukturierter qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.
Ergebnisse: Die Erfahrungen mit E-Learning sowie die geschilderten Bedarfe sind sehr heterogen. Als Vorteil wurden die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit beschrieben. Der fehlende persönliche Austausch wurde als Nachteil empfunden. Die Expert*innen aus Krankenhäusern schilderten rassistisch-motivierte Vorfälle gegenüber Patient*innen oder dem Pflegepersonal. Es konnten sechs inhaltliche Hauptkategorien identifiziert werden: Kultur, Religion, Ernährung, Sprache, Diskriminierung und Ankommen in Deutschland. Technische Anforderungen bezogen sich auf ein intuitives Layout mit einer klaren Gliederung und verständlichen Informationen, Kommunikations- und Rückmeldefunktionen, methodische Vielfalt durch Audios, Videos und Gamification-Ansätzen sowie Selbstreflexionstools. Die Lernplattform sollte eingebettet sein in ein hybrides Konzept, dass den persönlichen Austausch und die aktive Reflexion ermöglicht.
Diskussion: Digitale Lernplattformen können, wenn diese bedarfsorientiert konzipiert sind, sensible Themen, wie den Aufbau interkultureller Kompetenzen, aufgreifen und so einen Beitrag leisten, wenn deren didaktische Einbettung so angelegt ist, dass individuelle Erfahrungen einen resonanten und transformativen Prozess durchlaufen. Sie eröffnen Möglichkeiten für Mediendiversität und reflexive Binnendifferenzierung und unterstützen dadurch individuelle Lern- und Reflexionsprozesse.
Take-Home-Message: Kultursensible Pflege lässt sich digital lernen – wirksam wird sie jedoch erst durch hybride Lernsettings, die individuelle Erfahrungen, Reflexion und interkulturellen Austausch miteinander verbinden.
References
[1] Straub S, Sulak H, Sander N, Milewski N, Spieß K, Weinmann M. Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund neu entdecken. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB); 2024. DOI: 10.12765/bro-2024-01[2] Antón-Solanas I, Tambo-Lizalde E, Hamam-Alcober N, Vanceulebroeck V, Dehaes S, Kalkan I, Kömürcü N, Coelho M, Coelho T, Casa Nova A, Cordeiro R, Sagarra-Romero L, Subirón-Valera AB, Huércanos-Esparza I. Nursing students’ experience of learning cultural competence. PLoS One. 2021;16(12):e0259802. DOI: 10.1371/journal.pone.0259802
[3] Habermann M, Stagge M. Menschen mit Migrationshintergrund in der professionellen Pflege. In: Zängl P, editor. Zukunft der Pflege. 20 Jahre Norddeutsches Zentrum zur Weiterentwicklung der Pflege. Wiesbaden: Springer VS; 2015. p.161-175. DOI: 10.1007/978-3-658-08137-9_14



