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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Selbsteinschätzung und Dunning-Kruger-Effekt bei unfallchirurgischen Eingriffen – eine experimentelle Studie

Tobias Stauffer - ETH Zürich, Product Development Group (pd|z), Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Zürich, Schweiz
Quentin Lohmeyer - ETH Zürich, Product Development Group (pd|z), Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Zürich, Schweiz
Nadine Diwersi - Kanstonsspital Obwalden, Allgemein-, Unfall- und Viszeralchirurgie, Samen, Schweiz
Franz Tillmann - Luzerner Kantonsspital, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Luzern, Schweiz; Universität Luzern, Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin, Luzern, Schweiz
Frank Beeres - Luzerner Kantonsspital, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Luzern, Schweiz; Universität Luzern, Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin, Luzern, Schweiz
Mirko Meboldt - ETH Zürich, Product Development Group (pd|z), Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik, Zürich, Schweiz
Reto Babst - Luzerner Kantonsspital, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Luzern, Schweiz; Universität Luzern, Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin, Luzern, Schweiz
Thomas Shiozawa - Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Klinische Anatomie und Zellanalytik, Tübingen, Deutschland
Anne Herrmann-Werner - Eberhard Karls Universität Tübingen, TIME – Tübingen Institute for Medical Education, Medizinische Fakultät, Tübingen, Deutschland
Harald Knof - BG Klinikum Bergmannstrost Halle, Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin, Schmerzmedizin, Halle/Saale, Deutschland; Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Klinische Anatomie und Zellanalytik, Tübingen, Deutschland

Text

Hintergrund: Eine realistische Selbsteinschätzung stellt eine zentrale Voraussetzung für lebenslanges, selbstgesteuertes Lernen dar und ist von wesentlicher Bedeutung für die Patientensicherheit im chirurgischen Kontext [1]. Empirische Untersuchungen zeigen jedoch, dass eigene Kompetenzen häufig systematisch falsch eingeschätzt werden [2]. Inwieweit sich solche Fehleinschätzungen auch im Bereich der Unfallchirurgie zeigen, ist bislang unzureichend untersucht.

Methoden: Insgesamt absolvierten n=28 Proband*innen unterschiedlicher Erfahrungsstufen (5 Medizinstudierende, 13 Assistenzärzt*innen, 6 Oberärzt*innen, 4 leitende Ärzt*innen) jeweils drei standardisierte Simulationsfälle (Osteosynthese von Radius [AO 22C1], Fibula [AO 44C1] und Ulna [AO 22C3]).

Die Simulationen wurden aufgezeichnet und von vier Expert*innen unabhängig voneinander anhand einer modifizierten Global Rating Scale bewertet [3]. Nach jedem Fall erfolgte eine Selbsteinschätzung auf einer fünfstufigen Likert-Skala (1=„trifft überhaupt nicht zu“; 5=„trifft voll zu“). Zur Analyse wurden alle Werte auf eine 0-1-Skala transformiert; die Fehlkalibrierung der Selbsteinschätzung wurde als Differenz zwischen Selbst- und Expert*innenbewertung definiert. Potenzielle Einflussfaktoren (Geschlecht, Erfahrungsstufe, Falltyp) wurden mit einem Linear Mixed-Effects-Model untersucht.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 84 Simulations-Eingriffe analysiert. Die Selbstbewertungen lagen im Mittel um 0.07 Punkte über den Expert*innenbewertungen (M=0.61±0.26 vs. 0.54±0.22). Das Mixed-Effects-Model zeigte, dass leistungsschwächere Teilnehmende ihre Fähigkeiten überschätzten (Model-Intercept β=0.44, p=.004), während leistungsstärkere Teilnehmende ihre Leistung konservativer einschätzten (β=-0.536, p<.001). Geschlecht und Hierarchiestufe hatten keinen Effekt. Die Expert*innenbewertung korrelierte negativ mit der Differenz zwischen Selbst- und Expert*innenbewertung (ρ=-0.33, p=.002) (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Zusammen mit einer größeren Varianz der Fehlkalibrierung bei leistungsschwächeren Personen im Heteroskedastizitätstest (β=-0.090, SE=0.041, p=0.032) sind diese Befunde mit dem Muster des Dunning-Kruger-Effekts vereinbar.

Abbildung 1: Fehlkalibrierung der Selbsteinschätzung in Abhängigkeit von der objektiven Leistung
Streudiagramm zur Darstellung der Fehlkalibrierung der Selbsteinschätzung (Selbst- minus Expert*innenbewertung) in Relation zur expertenbewerteten Leistung auf Grundlage des skalierten GRS-Scores. Jeder Punkt repräsentiert einen einzelne Simulationseingriff (n=84) und ist entsprechend der klinischen Position farblich kodiert. Positive Werte auf der Y-Achse zeigen eine Überschätzung, negative Werte eine Unterschätzung an. Das dargestellte Muster entspricht dem Dunning-Kruger-Effekt, wonach leistungsschwächere Personen eher zu einer Überschätzung ihrer Fähigkeiten neigen.

Diskussion: Die Proband*innen zeigten eine moderate Tendenz zur Überschätzung der eigenen Leistung, wobei die ausgeprägteste Fehlkalibrierung bei leistungsschwächeren Personen beobachtet wurde – konsistent mit dem Dunning-Kruger-Effekt. Künftige Untersuchungen sollten strukturierte Feedback- und Kalibrierungsmechanismen evaluieren, um die Genauigkeit der Selbsteinschätzung zu verbessern und dadurch selbstgesteuertes Lernen sowie die Patientensicherheit nachhaltig zu fördern.


References

[1] Evans AW, McKenna C, Oliver M. Self-assessment in medical practice. J R Soc Med. 2002;95(10):511-513. DOI: 10.1177/014107680209501013
[2] Kruger J, Dunning D. Unskilled and unaware of it: how difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. J Pers Soc Psychol. 1999;77(6):1121-1134. DOI: 10.1037//0022-3514.77.6.1121
[3] Hopmans, CJ, den Hoed, PT, van der Laan, L, van der Harst, E, van der Elst, M, Mannaerts, GH, Dawson, I, Timman, R, Wijnhoven, BP, IJzermans, JN. Assessment of surgery residents’ operative skills in the operating theater using a modified Objective Structured Assessment of Technical Skills (OSATS): a prospective multicenter study. Surgery. 2014;156(5):1078-1088. DOI: 10.1016/j.surg.2014.04.052