Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Sinkende Rückläufe in Lehrveranstaltungsevaluationen: Steuerungsproblem oder Generationenwandel?
Text
Hintergrund/Fragestellung: Seit mehreren Jahren werden in der Humanmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) stetig sinkende Rückläufe in den Lehrveranstaltungsevaluationen (LVE) beobachtet. Zeitlich fällt diese Entwicklung mit strukturellen Reformen des Studiengangs, einer stärkeren Nutzung digitaler und asynchroner Lehrformate sowie mit Veränderungen der Fragebogenkonzeption zusammen. Parallel wurden verschiedene Steuerungsmaßnahmen erprobt, um die Beteiligung zu stabilisieren. Unklar bleibt, in welchem Ausmaß diese Faktoren den Rückgang erklären können oder ob primär kohortenspezifische Veränderungen in der Einstellung der Studierenden zur Evaluation ursächlich sind. Ziel dieses Beitrags ist eine empirische Analyse dieser Erklärungsansätze.
Methoden: Analysiert werden Panel-Daten aus fünf Studienjahren (2020/21-2024/25) der LVE in der Humanmedizin mit 725 Beobachtungen aus 64 Modulen bzw. Teilmodulen. Die abhängige Variable ist der Rücklauf pro Modul, Studienjahr und Evaluation. Zentrale erklärende Variable ist ein Kohortenindex, der das gewichtete Mittel des Immatrikulationsjahres der teilnehmenden Studierenden abbildet. Die Analyse erfolgt mittels Mixed-effects Panel-Regressionen. Kontrolliert wird u.a. für Rücklauf und Bewertung aus Vorperioden, Veranstaltungstyp, Evaluationsmodus, Fragebogenlänge und Bearbeitungszeit, soziodemographische Zusammensetzung, Studienjahr sowie Zeitpunkt der Evaluation.
Ergebnisse: Der Rückgang der Beteiligung wird primär durch Kohorteneffekte erklärt: Jüngere Kohorten evaluieren ab der ersten Veranstaltung signifikant seltener als ältere. In den ersten beiden Studienjahren liegt der Rücklauf etwa sieben Prozentpunkte niedriger, in späteren Studienjahren zwei bis vier Prozentpunkte. Zusätzlich zeigt sich ein systematischer, kohortenunabhängiger Rückgang im Studienverlauf sowie innerhalb eines Studienjahres. Jüngere Kohorten starten dabei bereits von einer deutlich niedrigeren Basis. Positive Effekte auf den Rücklauf finden sich für Module mit Patientenkontakt sowie für Evaluationen, die – unterstützt durch Erinnerungen – zeitlich die Prüfung einschließen. Eine bessere Modulbewertung in Vorperioden korreliert mit leicht höheren Rückläufen. Die Länge und Bearbeitungszeit des Fragebogens zeigen keinen relevanten Einfluss.
Diskussion: Die Ergebnisse sprechen für eine veränderte Einstellung der Studierenden zur Teilnahme an Evaluationen. Bisherige Steuerungsmaßnahmen, z.B. Anzahl der Erinnerungen und Zeitpunkt der Befragung, haben bisher nur begrenzte Wirkung entfaltet. Nachhaltige Strategien sollten daher stärker auf eine strukturelle Einbettung und niedrigschwellige Integration der Evaluation in bestehende Studienprozesse setzen, sodass diese als selbstverständlicher Bestandteil des Studienalltags wahrgenommen wird.
Take-Home-Message: Der Rückgang der LVE-Beteiligung in der Humanmedizin ist primär ein Kohortenphänomen – und damit nur begrenzt durch organisatorische Steuerungsmaßnahmen beeinflussbar.



