Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Soziale Interaktion als Schlüssel der Studierendenperspektive: Akzeptanz von Online-POL im POL-zentrierten Curriculum der UWH
Text
Hintergrund/Fragestellung: An der Universität Witten/Herdecke (UWH) ist Problemorientiertes Lernen (POL) das zentrale Lehrformat der vorklinischen medizinischen Ausbildung. Während der Corona-Pandemie wurde das bis dahin präsente POL kurzfristig vollständig in ein Online-Format überführt. In späteren Semestern erfolgte die Rückkehr zum Präsenz-POL. In der Literatur ist bereits belegt, dass Online- und Präsenz-POL hinsichtlich Prüfungsleistungen und Wissenszuwachs vergleichbar sein können [1], [2]. Ziel dieser Arbeit war es, die Erfahrungen der Medizinstudierenden mit dieser systemweiten Umstellung zu untersuchen. Im Fokus standen dabei (Selbst-)einschätzungen zu Lernfortschritt, Eigeninitiative, Betreuung und Rahmenbedingungen sowie die soziale Interaktion.
Methoden: Zur Klärung der Auswirkungen der Umstellung auf Online-POL an der UWH wurde ein Mixed-Methods-Querschnittsdesign gewählt. Für die Datenerhebung wurde ein Online-Fragebogen mit 21 Fragen entwickelt, der neben vier soziodemografischen Fragen 13 inhaltliche Fragen (Likert- und Analogskalen) sowie vier Freitextfragen enthielt. Insgesamt nahmen 157 Medizinstudierende im Wintersemester 2021/22 an der Umfrage teil. Alle Teilnehmenden absolvierten mindestens ein Semester Präsenz-POL sowie ein Semester Online-POL. Die quantitative Datenanalyse erfolgte deskriptiv und inferenzstatistisch (Mann-Whitney-U-Tests), die qualitative Datenanalyse inhaltsanalytisch nach Mayring [3].
Ergebnisse: Insgesamt wurde Präsenz-POL von den Medizinstudierenden präferiert (76,4%). Im Vergleich zum Online-POL wurde bei Präsenz-POL häufiger ein höherer subjektiver Lernfortschritt (67,5%), seltener Konzentrationsprobleme (90,4%), eine stärkere Beteiligung am Lehrformat (53,5%) sowie eine bessere Betreuung durch die (Co-)Tutor*innen (72%) berichtet. Der deutlichste Unterschied zwischen den beiden Lehrformaten zeigte sich in der sozialen Interaktion: Online-POL wurde überwiegend mit einem negativen Einfluss auf Sozial- und Campusleben assoziiert (96,8%). Studierende, die mit Präsenz-POL begonnen hatten, äußerten eine signifikant positivere allgemeine Wahrnehmung von POL als Studierende, die mit Online-POL begonnen hatten (U=2163, p=0,004).
Diskussion: Medizinstudierende der UWH präferieren Präsenz-POL. Die Befunde sprechen dafür, dass neben didaktischen Faktoren insbesondere nichtakademische Aspekte – Campusleben und soziale Interaktion – die wahrgenommene Qualität des POL mitbestimmen. Die familiäre Semesterstruktur der UWH könnte diese Effekte verstärken und sollte bei der Planung digitaler oder hybrider POL-Formate gezielt berücksichtigt werden.
Take-Home-Message: Studierende der UW/H bevorzugen Präsenz-POL aufgrund seiner zentralen Rolle im Campusleben und der sozialen Interaktion.
Literatur
[1] Servos U, Reiß B, Stosch C, Karay Y, Matthes J. A simple approach of applying blended learning to problem-based earning is feasible, accepted and does not affect evaluation and exam results-a just pre-pandemic randomised controlled mixed-method study. Naunyn Schmiedebergs Arch Pharmacol. 2023;396(1):139-148. DOI: 10.1007/s00210-022-02306-3[2] Tudor Car L, Kyaw BM, Dunleavy G, Smart NA, Semwal M, Rotgans JI, Low-Beer N, Campbell J. Digital Problem-Based Learning in Health Professions: Systematic Review and Meta-Analysis by the Digital Health Education Collaboration. J Med Internet Res. 2019;21(2):e12945. DOI: 10.2196/12945
[3] Mayring P, Fenzel T. Qualitative Inhaltsanalyse. In: Baur N, Blasius J, editors. Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (Vol. 2). Berlin, Heidelberg: Springer VS; 2019. DOI: 10.1007/978-3-658-21308-4_42



