Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden – ein interprofessionelles Projekt zum Umgang mit Sprachbarrieren und zur Förderung der interkulturellen Kompetenz
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Problembeschreibung: In Deutschland haben rund 21,2 Mio. Menschen einen Migrationshintergrund, davon sprechen 24% zu Hause kein Deutsch. Sprachbarrieren führen zu Fehldiagnosen, Über- oder Unterversorgung. Professionelle Dolmetschende könnten die Misskommunikation reduzieren, werden aber von den Krankenkassen nicht finanziert. Stattdessen werden oft Angehörige oder technische Hilfsmittel eingesetzt, mit teils problematischen Folgen. An der Medizinischen Fakultät Würzburg wird Kommunikation mit Sprachmittlung bisher nicht systematisch gelehrt; das Projekt schließt somit eine Lücke im Kommunikationscurriculum.
Projektbeschreibung/Evaluationsmethoden: Das Projekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ bereitet Studierende der Humanmedizin und Hebammenwissenschaft auf interkulturelle und sprachliche Herausforderungen vor. Es umfasst sechs Online-Module und drei Praxis-Module in einem longitudinalen Curriculum über drei Semester. In den ersten Modulen in Kooperation mit der Würzburger Dolmetscherschule lernen die Studierenden eine Anamnese unter Einbezug von Sprachmittlung durchzuführen. Nach drei Online-Modulen absolvieren die Studierenden ein praktisches Modul in Kleingruppen unter Einsatz von Schauspielpersonen, Dolmetscherschüler*innen und Sprach-Apps. Dabei profitieren auch die Dolmetschenden von dem hohen Praxisbezug durch den Ausbau ihrer professionellen Kompetenz. Die Module wurden im Wintersemester 2025/2026 erstmals curricular implementiert; die weiteren folgen in den kommenden Semestern. Die Evaluation erfolgte mittels standardisierter Fragebögen mit 11-stufiger Likert-Skala (0-10) und Freitextfeldern.
Ergebnisse: Die Rücklaufquote war 90%. Die Fähigkeit, Strategien in Gesprächen mit Dolmetschenden zielgerichtet anzuwenden oder bei anderen zu erkennen, wurde hoch bewertet (MW=7,95). Vergleichbare Ergebnisse zeigten sich für den Umgang mit Übersetzungs-Apps (MW=7,35). Besonders hohe Zustimmungswerte ergaben sich für die Aussage „Ich konnte mindestens zwei Sprachmittlungsmethoden vergleichen und Vor- und Nachteile benennen“ mit einem Mittelwert von MW=8,77, was auf eine ausgeprägte reflexive Kompetenz der Studierenden hinweist.
Diskussion: Die hohen Mittelwerte über alle Items hinweg sprechen für eine hohe Wirksamkeit des Lehrformats. Insbesondere der direkte Vergleich unterschiedlicher Sprachmittlungsmethoden förderte die reflexive Auseinandersetzung mit deren Einsatzmöglichkeiten und Limitationen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kombination aus vorbereitenden Online-Modulen und praktischen Übungen geeignet ist, um Handlungskompetenz aufzubauen. Einschränkend ist zu erwähnen, dass es sich um Selbsteinschätzungen handelt; eine Ergänzung durch objektive Prüfungsformate erscheint sinnvoll.
Take-Home-Messages: Praxisnahe Sprachmittlungsübungen steigern die Handlungssicherheit und reflexive Kompetenz und schließen eine zentrale lokale Ausbildungslücke. Eine Übertragung der Module auf andere Fakultäten ist möglich.
References
[1] Statistisches Bundesamt DeStatis. 77% der Bevölkerung sprechen zu Hause ausschließlich Deutsch. Wiesbaden: Destatis; 2025. Zugänglich unter/available from: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_08_p002.html[2] Krekeler S. Aufklärung fremdsprachiger Patienten - Babylonische Sprachverwirrung trifft Berliner Gesetzgebung. Gynäkologie. 2023;56:222-228. DOI: 10.1007/s00129-023-05060-6
[3] Frank L, Yesil-Jürgens R, Razum O, Bozorgmehr K, Schenk L, Gilsdorf A, Rommel A, Lampert T. Health and healthcare provision to asylum seekers and refugees in Germany. J Health Monit. 2017;2(1):22-42. DOI: 10.17886/RKI-GBE-2017-021



