Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Klinische Entscheidungsfindung als Gegenstand des Pflegestudiums: Durchführung einer Lernwerkstatt zur Förderung des kritischen Denkens
Text
Problembeschreibung/Zielsetzung: Die Ausweitung der eigenverantwortlichen Heilkundeausübung durch Pflegefachpersonen auf Entscheidungen, die bisher Ärzt*innen vorbehalten waren, machen eine vertiefte Auseinandersetzung mit Kompetenzen der klinischen Entscheidungsfindung [1] im Studium erforderlich. Die dafür erforderlichen kritischen Denkprozesse stehen in einem Spannungsverhältnis zum in der Pflege etablierten Pflegeprozess, so dass neue Lehr-/Lernansätze benötigt werden.
Projektbeschreibung: Die internationale Literatur zur klinischen Entscheidungsfindung in der Pflege wurde gesichtet und mit den Anforderungen aus Pflegeberufegesetz und Pflegeberufeausbildungs- und -Prüfungsverordnung abgeglichen. Modifikationen des bestehenden Curriculums für das siebensemestrige primärqualifizierende Pflegestudium wurden im Team der Lehrenden eines Studiengangs erarbeitet und ab 2026 umgesetzt.
Ergebnisse: Als Rahmen dienten das Modell der klinischen Entscheidungsfindung [1] sowie das „Clinical Judgement Measurement Model (CJM)“ (NCSBN 2019) [https://www.nclex.com/clinical-judgment-measurement-model.page] mit den Schritten „recognise cues, analyse cues, prioritise hypotheses, generate solutions, take action, evaluate outcomes“.
Eine auf vorherige Studieninhalte aufbauende Lernwerkstatt zur klinischen Entscheidungsfindung wurde einem Pflichteinsatz im 5. Semester hinzugefügt. Sie umfasst 24 Unterrichtseinheiten (UE) Präsenz sowie einen vorbereitenden Praxisauftrag (6 UE) und endet mit einer mündlichen, fallbasierten Prüfung.
Der Praxisauftrag hat die Auswahl und Aufbereitung eines realen Falles aus dem Praxiseinsatz zum Gegenstand, einschließlich ausführlicher bio-psycho-sozialer Anamnese, Befunden der pflegerischen und ärztlichen Diagnostik, Erhebung der Patient*innenpräferenzen sowie des Pflege- und Behandlungsverlaufs. Die Studierenden nutzen dazu eine modifizierte Fassung des Tools nach Wankier & Baynon [2], das dem CJM folgt.
Es können Fälle aus dem Krankenhaus, der ambulanten Pflege oder dem Pflegeheim durch die Studierenden eingebracht werden. In der Lernwerkstatt werden sie anhand einer Weiterentwicklung der Methode des „Guided clinical reasoning“ [3], [4] unter Anleitung einer Lehrperson bearbeitet.
Diskussion: Die gewählten Modelle bieten einen Rahmen für das kritische Denken im Rahmen der klinischen Entscheidungsfindung, der über etablierte Ansätze des Pflegeprozesses hinausgeht. Sie stehen damit in einem Spannungsfeld zur derzeitigen Praxis der beruflichen Pflege.
Gemeinsame Lernmöglichkeiten zwischen Medizin- und Pflegestudierenden würden sich für die entsprechenden Kompetenzen besonders anbieten.
Eine Evaluation des Lehransatzes ist erforderlich.
Take-Home-Message: Kritisches Denken und klinische Entscheidungsfindung können im Pflegestudium orientiert an Tanners Modell der klinischen Entscheidungsfindung sowie dem Clinical Judgement Modell (CJM) sowie der Guided Clinical Reasoning Methode adressiert werden.
Literatur
[1] Tanner CA. Thinking like a nurse: a research-based model of clinical judgement in nursing. J Nurs Educ. 2006;45(6):204-211. DOI: 10.3928/01484834-20060601-04[2] Wankier J, Beynon C. Enhancing Clinical Judgment in Undergraduate Clinical Education. Tech Learn Nurs. 2025;20(1):32-36. DOI: 10.1016/j.teln.2024.08.019
[3] Leoni-Schreiber C, Meyer H, Müller-Staub M. Relationship between the Advanced Nursing Prozess quality and nurses' and patient' characteristics: A cross-sectional study. Nurs Open. 2019;7(1):419-429. DOI: 10.1002/nop2.405
[4] Leoni-Schreiber C, Mayer H, Müller Straub M. Effekte von Guided Clinical Reasoning auf die Qualität des Advenced Nursing Process: Eine experimentelle Interventionsstudie. Pflege. 2021;34(2):92-102. DOI: 10.1024/1012-5302/a000792



