Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Lernen aus Fehlern im Unterricht am Patienten: Welche Fehler passieren und wie lernförderlich gehen Dozierende damit um?
Text
Hintergrund: UaP bietet Studierenden vielfältige Möglichkeiten, klinische Untersuchung, Anamnese, Diagnostik und Entscheidungsfindung praktisch zu erproben. Dabei machen Studierende selbstverständlich Fehler. Wie in der Unterrichtsforschung beschrieben, können diese als wertvolle Lernanlässe genutzt werden können, sofern sie konstruktiv z.B. durch unterstützende Rückmeldungen aufgegriffen werden [1]. Bislang wurde kaum empirisch untersucht, welche Arten von Studierendenfehlern sich im Lehrformat UaP beobachten lassen und wie klinische Lehrende darauf reagieren.
Zielsetzung: In dieser Studie berichten wir Ergebnisse aus einer Videostudie [2] zu drei Fragestellungen:
- Welche Typen von Studierendenfehlern lassen sich in UaP beobachten?
- Wie reagieren Lehrende auf diese Fehler?
- Adaptieren Lehrende ihre Reaktionen an unterschiedliche Fehlerarten?
Methode: Analysiert wurden 36 videografierte UaP aus den Fächern Innere Medizin, Neurologie und Orthopädie mit insgesamt 259 Studierenden und 24 Lehrenden. Alle Studierendenfehler wurden auf Basis eines theoretisch fundierten Kategoriensystems codiert (u.a. Reproduktionsfehler, Verständnisfehler, Fehler bei der Anwendung von Wissen oder Fertigkeiten, analytische Fehler). Die Reaktionen der Lehrenden wurden entlang dreier Dimensionen klassifiziert: Art des Feedbacks (z.B. explizite Zurückweisung vs. weiterführende Nachfrage), Grad der Elaborationsanregung (niedrig vs. hoch) und Zeit, den Fehler selbst zu korrigieren. Die Interrater-Reliabilität war insgesamt hoch (Cohen’s κ u.a. bis 0.91).
Ergebnisse und Diskussion: Insgesamt wurden 372 einzelne Fehlerereignisse codiert. Am häufigsten traten Reproduktionsfehler auf (32,8%), gefolgt von Fehlern bei der Anwendung von Fertigkeiten (30,1%). In der Analyse der Lehrendenreaktionen zeigte sich Folgendes: Explizite Zurückweisung war die häufigste Reaktionsform (62,1%), besonders in Neurologie und Orthopädie. Ein hoher Elaborationsgrad wurde in 55,1% der Fälle beobachtet, jedoch seltener bei Reproduktionsfehlern. Zeit für Fehlerkorrektur wurde insgesamt nur in 45,2% der Fälle gewährt; am seltensten bei Reproduktions- und Verständnisfehlern. Mixed-Model-Analysen zeigen, dass Reproduktionsfehler signifikant häufiger mit Zurückweisung und geringer Elaborationsanregung einhergingen und Studierende dabei seltener Zeit zur Selbstkorrektur erhielten.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Fehler im UaP häufig auftreten und hohes didaktisches Potenzial bieten. Gleichzeitig zeigen die Reaktionsmuster der Lehrenden, dass dieses Potenzial bislang nur ansatzweise ausgeschöpft wird – insbesondere, weil gerade bei einfachen Fehlern (z.B. Reproduktionsfehler) selten Gelegenheit zur Selbstkorrektur gegeben wird.
Take-Home-Message: Die Ergebnisse der Videostudie unterstreicht die Notwendigkeit, Lehrende gezielt für einen konstruktiven, lernorientierten Umgang mit Fehlern im UaP zu qualifizieren, um das situative Lernpotenzial in klinischen Lehrsettings besser auszuschöpfen.
Literatur
[1] Tulis M. Error management behavior in classrooms: Teachers’ responses to student mistakes. Teach Teach Educ. 2013;33:56-68. DOI: 10.1016/j.tate.2013.02.003[2] Rubisch HP, Blaschke AL, Berberat PO, Fuetterer CS, Haller B, Gartmeier M. Student mistakes and teacher reactions in bedside teaching. Adv Health Sci Educ Theory Pract. 2023;28(5):1523-1556. DOI: 10.1007/s10459-023-10233-y



