Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Inklusive Medizin: Entwicklung und Evaluation eines modularen Kurskonzepts zur medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung
Text
Fragestellung/Zielsetzung: In Deutschland leben rund 8 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung. Viele sind aufgrund komplexer Begleiterkrankungen auf eine regelmäßige medizinische Versorgung angewiesen; gleichzeitig besteht eine Unterversorgung von Menschen mit Behinderung (MmB) [1]. Neben strukturellen Barrieren können Unsicherheiten im Behandlungsverhältnis dazu beitragen, dass Untersuchungen weniger gründlich erfolgen und spezifische Bedürfnisse unzureichend berücksichtigt werden [2].
Trotz zahlreicher Bezugspunkte des NKLM sind Umgang mit und die Behandlung von MmB bislang nicht curricular im Medizinstudium implementiert. Ziel des Projekts „GKU all inclusive“ ist die Entwicklung, Evaluation und curriculare Implementierung modularer Lehrformate zur inklusiven Medizin. Zentrale Lernziele sind der Abbau von Berührungsängsten, sensible und professionelle Kommunikation und ein besseres Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse von MmB. Langfristig soll hierdurch ein Beitrag zur Verbesserung der medizinischen Versorgung von MmB geleistet werden.
Methoden: Aufbauend auf einem etablierten allgemeinmedizinischen Ganzkörperuntersuchungskurs (GKU) wurde der „GKU all inclusive“ mit MmB als Simulationspersonen (SP) im SoSe 2024 pilotiert und im SoSe 2025 als Wahlpflichtveranstaltung (10UE) durchgeführt. Im WiSe 2025/26 wurde das Kurskonzept um weitere Module zur inklusiven Medizin ergänzt (Gebärdensprachkurs, Umgang mit Patient*innen mit geistiger Behinderung); weitere Module befinden sich in Vorbereitung.
Zur begleitenden Evaluation kam ein Fragebogen mit selbst entwickelten Items zur Selbsteinschätzung kommunikativer und versorgungsbezogener Kompetenzen sowie validierter Skalen (adaptiert nach Chadd & Pangilinan 2011 [3]). zu Einstellungen und Haltungen zum Einsatz. Die Kursteilnehmenden sowie eine Kontrollgruppe nahmen nach Abschluss des Kurses an der Befragung teil; die Auswertung erfolgte deskriptiv.
Ergebnisse: Die Kursteilnehmenden (n=28) gaben in allen erfragten Bereichen (Likertskala; 1=„Stimme überhaupt nicht zu“ – 5=„Stimme voll und ganz zu“) einen Kompetenzzuwachs an. Besonders ausgeprägt waren Verbesserungen im Verständnis der Bedürfnisse von MmB (ΔMW +1,25) sowie in physischer (ΔMW +0,96) und sozialer (ΔMW +1,00) Handlungssicherheit (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]).
Tabelle 1: Selbsteinschätzung Kompetenzzuwachs im Vorher-Nachher-Vergleich (n=28)
Diskussion: Ein modulares Kurskonzept zur inklusiven Medizin stellt ein geeignetes Format dar, um entsprechende Inhalte curricular im Medizinstudium zu implementieren. Neben dem direkten Kontakt mit SP mit Behinderung tragen auch kommunikationsbezogene Module wie ein Gebärdensprachkurs zur Reduktion von Barrieren und Unsicherheiten bei. Die systematische Integration inklusiver Medizin kann langfristig zur Reduktion von Unterversorgung beitragen.
Take-Home-Message:
- Untersuchungskurse mit SP mit Behinderung sind didaktisch sinnvoll und umsetzbar.
- Modulare Lehrformate zur inklusiven Medizin erhöhen die Reichweite und curriculare Anschlussfähigkeit.
Literatur
[1] Krahn GL, Walker DK, Correa-De-Araujo R. Persons with disabilities as an unrecognized health disparity population. Am J Publ Health. 2015;105(S2):S198-S206. DOI: 10.2105/AJPH.2014.302182[2] Iezzoni LI, Rao SR, Ressalam J, Bolcic-Jankovic D, Agaronnik ND, Donelan K, Lagu T, Campbell EG. Physicians’ Perceptions Of People With Disability And Their Health Care. Health Aff (Millwood). 2021;40(2):297-306. DOI: 10.1377/hlthaff.2020.01452
[3] Chadd EH, Pangilinan PH. Disability attitudes in health care: a new scale instrument. Am J Phys Med Rehabil. 2011;90(1):47-54. DOI: 10.1097/PHM.0b013e3182017269



