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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Interviewstruktur und Outcome-Passung: Zur inkrementellen Prognose kognitiver Staatsexamina

Mike Hänsel - Technische Universität Dresden, Institut für Didaktik und Lehrforschung in der Medizin, Dresden, Deutschland
Marjo Wijnen-Meijer - Technische Universität Dresden, Institut für Didaktik und Lehrforschung in der Medizin, Dresden, Deutschland

Text

Hintergrund: Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2017 sind Medizinische Fakultäten verpflichtet, valide und transparente Auswahlverfahren für die Studienzulassung einzusetzen. Strukturierte Interviews gelten im internationalen Forschungsstand als reliabler und prädiktiv valider als unstrukturierte Interviewformate, insbesondere in Bezug auf klinische Handlungskompetenz (z.B. OSCE). Unklar ist jedoch, welchen inkrementellen Beitrag unterschiedliche Interviewformate im deutschen, stark kognitiv vorselektierten Hochschulauswahlverfahren zur Vorhersage kognitiv dominierter Staatsexamina leisten.

Methode: In einem quasi-experimentellen, longitudinalen Design wurden 161 Bewerber*innen untersucht. Alle absolvierten ein strukturiertes, stationsbasiertes Interview (SBI; 4 Stationen, fünfstufige Skalen) sowie anschließend freiwillig ein unstrukturiertes Kurzinterview (USI) mit globalen Eignungseinschätzungen. Die zugelassenen Studierenden wurden bis zum ersten, zweiten und dritten Staatsexamen nachverfolgt. Analysiert wurden Reliabilität, Korrelationen mit Prüfungsleistungen sowie inkrementelle Varianzaufklärung in multiplen Regressionsmodellen unter Kontrolle kognitiver Prädiktoren.

Ergebnisse: Beide Formate wiesen vergleichbare Mittelwerte auf. Das SBI zeigte höhere interne Konsistenz und Interrater-Reliabilität als das USI. Für das erste Staatsexamen ergab sich eine schwache, aber signifikante Korrelation mit dem SBI. Für das USI zeigte sich kein signifikanter bivariater Zusammenhang; in Regressionsanalysen ergab sich jedoch ein geringer inkrementeller Beitrag für M1. Für das zweite und dritte Staatsexamen zeigten sich keine bedeutsamen Zusammenhänge. Die zusätzliche Varianzaufklärung blieb insgesamt bei beiden Interviewformaten gering.

Diskussion: Im Unterschied zu Studien, die Interviewergebnisse mit verhaltensnahen klinischen Kompetenzen belegen, zeigt sich für kognitiv dominierte Staatsexamina nur eine geringe inkrementelle Prognosekraft beider Interviewformate. Der zentrale Unterschied zwischen strukturierten und unstrukturierten Interviews liegt primär in der Reliabilität, nicht jedoch in einer signifikant höheren Vorhersagekraft für Prüfungsleistungen mit vorwiegend kognitiven Fähigkeiten. Die häufig postulierte Überlegenheit strukturierter Interviews lässt sich in Bezug auf Staatsexamina nicht belegen.

Take-Home-Message: In stark kognitiv vorselektierten Kohorten liefern sowohl strukturierte als auch unstrukturierte Interviews nur einen geringen Zusatzbeitrag zur Vorhersage von Staatsexamina. Der Vorteil strukturierter Formate liegt primär in höherer Reliabilität, Fairness und Objektivität. Damit rückt die kriteriale Passung nicht-kognitiver Auswahlverfahren in den Fokus. Nur wenn im Studienverlauf dezidiert nicht-kognitive Kriterien in die Kompetenznachweise (z.B. M3) einbezogen werden, lässt sich der hohe Aufwand für die Entwicklung und Durchführung von Interviews rechtfertigen.


Literatur

[1] Eva KW, Reiter HI, Rosenfeld J, Norman GR. The ability of the multiple mini-interview to predict preclerkship performance in medical school. Acad Med. 2004;79(10 Suppl):S40-S42. DOI: 10.1097/00001888-200410001-00012
[2] Blouin D, Day AG, Pavlov A. Comparative reliability of structured versus unstructured interviews in the admission process of a residency program. J Grad Med Educ. 2011;3(4):517-523. DOI: 10.4300/JGME-D-10-00248.1