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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Interprofessionelle Primärversorgung im Kontext sinnvoller ärztlicher Arbeit: Implikationen für die interprofessionelle Ausbildung – eine reflexive thematische Analyse

Alina Stortz - LMU Klinikum, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Joséphine-Charlotte Coleman - LMU Klinikum, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Matthias Stadler - LMU Klinikum, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Matthias J. Witti - LMU Klinikum, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland

Text

Hintergrund/Fragestellung: Die Primärversorgung steht unter Druck [1]. Als Lösungsansatz wird u.a. die interprofessionelle Primärversorgung (iPV) diskutiert. Studien zeigen, dass interprofessionelle Primärversorgung (iPV), die Versorgungsqualität und Patientenergebnisse verbessern kann [2]. Bislang ist wenig darüber bekannt, wie die Sinnhaftigkeit im Praxisalltag der Ärztinnen und Ärzte durch interprofessionelle Zusammenarbeit gefördert werden kann. Unklar bleibt zudem, welche Konsequenzen sich für die interprofessionelle Aus-, Fort-, und Weiterbildung ableiten lassen.

  • Welche interprofessionellen Rahmenbedingungen bräuchte es, damit Haus- und Kinderärztinnen sowie -ärzte ihren Arbeitsalltag mittels iPV sinnvoller gestalten können?
  • Welche Konsequenzen können hieraus für die Aus-, Fort-, und Weiterbildung abgeleitet werden?

Methoden: Es wurde ein qualitatives, exploratives Studiendesign gewählt. Von April bis Oktober 2025 wurden deutschlandweit 24 semi-strukturierte Interviews mit Haus- und Kinderärzt*innen durchgeführt. Die Rekrutierung erfolgte mittels Purposive- und Schneeball-Sampling. Die Daten wurden mittels reflexiver thematischer Analyse nach Braun und Clarke ausgewertet.

Ergebnisse: Es wurden drei Themes generiert:

  1. Rollenverschiebung und Delegation: Ärztinnen und Ärzte berichten von einer zunehmenden Diskrepanz zwischen ihrer professionellen Kernrolle und ihrer Arbeitsrealität. Interprofessionelle Delegation wird als Voraussetzung für kompetenzgerechte Arbeit beschrieben. Gleichzeitig bestehen jedoch Unsicherheiten bezüglich der Rollen- und Kompetenzgrenzen.
  2. Ganzheitliche Versorgung als gemeinsame Aufgabe: Hochwertige Versorgung wird als kollektive Leistung verschiedener Gesundheitsfachberufe verstanden. Pflegefachpersonen, Sozialdienste und weitere Professionen sind dabei essenzielle Partner. Die IPZ wird jedoch überwiegend informell im Praxisalltag erlernt, systematische Lern- und Ausbildungsstrukturen fehlen.
  3. Kommunikation als Schlüsselkompetenz: Unzureichende sektorenübergreifende Kommunikation führt zu Mehrarbeit und Tätigkeiten, die als sinnlos erlebt werden. Interprofessionelle Austauschformate werden hingegen als entlastend wahrgenommen. Dies deutet auf einen Bedarf an gezielter Förderung der interprofessionellen Kommunikationskompetenz hin.

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass IPZ nicht allein strukturell, sondern auf gemeinsam entwickelten Rollenverständnissen basiert und implementiert werden sollte. Ärztliche Arbeit ist sinnvoll, wenn die Arbeitsteilung als kompetenzgerecht erlebt wird. Für die Ausbildung ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Interprofessionelle Lernformate sollten Rollenklärung, Delegationskompetenz und kooperative Entscheidungsprozesse systematisch thematisieren.

Take-Home-Messages:

  • IPV verändert professionelle Rollen und Arbeitswahrnehmung.
  • Interprofessionelle Ausbildung ist ein Schlüssel zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Primärversorgung und sollte systematisch implementiert werden.

Literatur

[1] Werdecker L, Esch T. Burnout, satisfaction and happiness among German general practitioners (GPs): A cross-sectional survey on health resources and stressors. PLoS One. 2021;16(6):e0253447. DOI: 10.1371/journal.pone.0253447
[2] Schwill S, Meißner A, Mink J, Bublitz S, Altiner A, Buhlinger-Göpfarth N. HÄPPI - Konzeption eines Modells für die ambulante Versorgung in Deutschland. ZFA (Stuttgart). 2024;100:142-149. DOI: 10.1007/s44266-023-00161-w