Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Lässt sich Multiperspektivität kooperativ erlernen? Mixed-Methods-Evaluation eines fakultätsübergreifenden Ethik-Seminars an der Universität Heidelberg
Text
Hintergrund/Fragestellung: Ethische Dilemmasituationen am Lebensende erfordern neben der Zusammenarbeit von Gesundheitsberufen auch die enge Kooperation mit Seelsorge, Rechts- und Sozialberatung [1]. Um diese interprofessionelle Kollaboration bereits im Studium zu fördern, müssen entsprechende Lernräume geschaffen werden [2]. Die Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg hat wiederholt ein fakultätsübergreifendes Wochenendseminar (28 UE) mit dem Schwerpunkt ethischer und medizinischer Dilemmata am Lebensende durchgeführt, um den interprofessionellen Austausch gezielt zu fördern.
Methoden: Die longitudinale Veränderung der interprofessionellen Kompetenzen vor (t0) und nach (t1) dem Seminar wurde anhand der deutschen Version des University of the west of England interprofessional Questionnaire [3] gemessen und mittels Wilcoxon-Test analysiert. Im Anschluss an das Seminar (t1) schrieben die Studierenden ergänzend zum Fragebogen einen Kurzessay über interprofessionell herausfordernde Situationen im anstehenden Berufsalltag. Dieser wurde mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet, um quantitative Ergebnisse zu kontextualisieren und intendiertes Handeln zu identifizieren.
Ergebnisse: In die quantitative Analyse gingen Daten von 19 Studierenden aus Medizin, Gesundheitsberufen, Philosophie, Theologie und Jura ein. Interprofessionelles Lernen, Interaktion und Beziehungen (je p<0,05) verbesserten sich statistisch signifikant. Positive Tendenzen zur Verbesserung (p=0,051; 95%-KI [-1,7; 0,0]) zeigt die Subskala der Kommunikation und Teamarbeit. Die qualitative Inhaltsanalyse der 13 Essays gibt weitere Hinweise auf angestrebte Veränderungen (Im Sinne eines Kirkpatrick-Level 3 Transfers in den klinischen Alltag) der Verhaltensweisen in Bezug auf Multiperspektivität und gemeinsame Zieldefinitionen. Die im Seminar eingeübte Technik ethischer Fallbesprechung wurde als Ressource interprofessioneller Reflexion und Entscheidungsfindung gewertet.
Diskussion: Im Rahmen der palliativmedizinischen Lehre sollten vermehrt fakultätsübergreifende Angebote geschaffen werden. Dabei wird Einfluss auf alle vier zentralen Kernkompetenzen des interprofessionellen Lernens genommen. Der Raum für Austausch fördert die Multiperspektivität der Studierenden in dilemmatischen Entscheidungssituationen. Ein nachhaltiger Einfluss zu interprofessionalitäts-förderndem Handeln im zukünftigen Berufsalltag ist denkbar. Die methodische Limitation der kleinen Stichprobe sollte in Folgestudien durch größere Kohorten adressiert werden, um die Robustheit der quantitativen Effekte zu prüfen.
Take-Home-Message: Fakultätsübergreifende Lehre in der Palliativmedizin fördert die Multiperspektivität und Entwicklung angestrebter interprofessioneller Verhaltensweisen bei medizinischen und nicht-medizinischen Studierenden.
Literatur
[1] Walkenhorst U, Hollweg W. Interprofessionelles Lehren und Lernen in den Gesundheitsberufen. In: Darmann-Finck I, Sahmel KH, editors. Pädagogik im Gesundheitswesen. Berlin, Heidelberg: Springer; 2022. p.1-16. DOI: 10.1007/978-3-662-61428-0_18-1[2] Kirkpatrick AJ, Donesky D, Kitko LA. A Systematic Review of Interprofessional Palliative Care Education Programs. J Pain Symptom Manage. 2023;65(5):e439-e466. DOI: 10.1016/j.jpainsymman.2023.01.022
[3] Pollard KC, Miers ME, Gilchrist M. Collaborative learning for collaborative working? Initial findings from a longitudinal study of health and social care students. Health Soc Care Community. 2004;12(4):346-358. DOI: 10.1111/j.1365-2524.2004.00504.x



