Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Interprofessionelle Fallbesprechung zu Krankheitsbildern der Inneren Medizin – Implementierung und qualitative Evaluation eines innovativen Lehrformats am Städtischen Klinikum Karlsruhe
Text
Problembeschreibung/Zielsetzung: Interprofessionelle Zusammenarbeit ist zentral für Versorgungsqualität und Patientensicherheit und wird international explizit gefordert [1]. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass interprofessionelle Bildungsmaßnahmen positive Effekte auf professionelle Praxis und Versorgungsprozesse haben können [2]. Gleichzeitig ist bekannt, dass interprofessionelle Identitätsentwicklung und Rollenverständnis gezielt gefördert werden müssen [3].
Vor diesem Hintergrund wurde auf der interprofessionellen Ausbildungsstation am Städtischen Klinikum Karlsruhe eine strukturierte Fallbesprechung zu ausgewählten Krankheitsbildern der Inneren Medizin implementiert.
Projektbeschreibung/Evaluationsmethoden: Die Fallbesprechung findet monatlich in Kleingruppen von drei bis zehn Teilnehmenden statt. An dem Format nehmen Studierende im praktischen Jahr, Pharmazeut*innen im Praktikum und Pflegeauszubildende teil. Im Mittelpunkt steht ein relevantes Krankheitsbild aus dem Behandlungsspektrum der Station (Nephrologie, Rheumatologie oder Pulmologie). Dieses Krankheitsbild wird anhand eines konkreten Patientenfalles besprochen, um das generierte Wissen unmittelbar mit der klinischen Realität zu verknüpfen.
Die beteiligten Berufsgruppen bereiten das Krankheitsbild jeweils aus ihrer Perspektive vor und diskutieren es anschließend im moderierten interprofessionellen Austausch.
Über acht Durchläufe hinweg wurde am Ende jeder Einheit eine strukturierte mündliche Evaluationsrunde durchgeführt. Die Rückmeldungen der insgesamt 43 Teilnehmenden wurden protokolliert und induktiv thematisch ausgewertet. Insgesamt gingen 68 qualitative Aussagen in die Analyse ein.
Ergebnisse: 79% der Rückmeldungen waren klar positiv; 21% enthielten konstruktive Verbesserungsvorschläge. Keine Rückmeldung stellte das Format grundsätzlich infrage.
Zentrale Themen waren:
- interprofessionelle Perspektivenintegration und vertieftes Rollenverständnis,
- wahrgenommener fachlicher Wissenszuwachs,
- hoher Praxisbezug durch konkreten Patientenfall,
- positives Lernklima mit reduzierter Hemmschwelle,
- gute Struktur bei identifizierbarem Optimierungspotenzial.
Besonders positiv hervorgehoben wurden die aktive Beteiligung aller Berufsgruppen sowie die Verbindung von Theorie und klinischer Praxis.
Diskussion: Die Ergebnisse spiegeln zentrale Wirkmechanismen interprofessioneller Bildungsmaßnahmen wider, insbesondere Perspektivenintegration und Rollenverständnis [3]. In Übereinstimmung mit der bestehenden Evidenz zu interprofessioneller Ausbildung [2] deuten die Rückmeldungen darauf hin, dass strukturierte, fallbasierte Formate mit authentischem klinischem Bezug geeignet sind, interprofessionelle Kompetenzen im Ausbildungsalltag zu fördern.
Take-Home-Messages:
- Monatliche, krankheitsbildbezogene Fallbesprechungen fördern interprofessionelles Lernen.
- Verbindung zu konkretem Fall verstärkt die wahrgenommene Relevanz.
Literatur
[1] World Health Organization. Framework for action on interprofessional education and collaborative practice. Geneva: WHO; 2010.[2] Reeves S, Perrier L, Goldman J, Freeth D, Zwarenstein M. Interprofessional education: effects on professional practice and healthcare outcomes (update). Cochrane Database Syst Rev. 2013;3:CD002213. DOI: 10.1002/14651858.CD002213.pub3
[3] Khalili H, Orchard C, Spence Laschinger HK, Farah R. An interprofessional socialization framework for developing an interprofessional identity among health professions students. J Interprof Care. 2013;27(6):448-453. DOI: 10.3109/13561820.2013.804042



