Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Prävalenz und Kontextfaktoren von sexualisierter Belästigung im Medizinstudium an der Goethe-Universität
Text
Hintergrund/Fragestellung: Sexualisierte Belästigung (=SB) betrifft weltweit mindestens ein Drittel der Medizinstudierenden [1]. Die in der Literatur berichteten Prävalenzraten variieren dabei erheblich in Abhängigkeit vom methodischen Vorgehen. In Deutschland wurde dieses Thema bislang nur in wenigen Studien systematisch untersucht. Aktuelle Daten aus Münster zeigen, dass 58,9% der Medizinstudierenden SB erlebt haben [2]. Medizinstudierende weisen im Vergleich mit Studierenden anderer Fakultäten die höchsten Prävalenzraten SB auf [3]. Das Ziel der vorliegenden Studie ist die Erhebung der Prävalenz erlebter und beobachteter sexualisierter Belästigung im Medizinstudium an der Goethe-Universität Frankfurt sowie die Erhebung und Analyse begleitender Kontextfaktoren.
Methoden: Die studentische Gruppe „AG Gleichstellung und Diversität“ führte die Umfrage unter den Medizinstudierenden in Frankfurt am Main per E-Mail durch. Daraufhin wurde ein Fragenkatalog entwickelt. Die Datenerhebung erfolgte als Querschnittsstudie über vier Monate im Jahr 2020/2021. Die statistische Auswertung geschlechtsbasierter Unterschiede erfolgte für nominalskalierte Items mittels Chi-Quadrat-Test oder Fisher-Exact-Test und für intervallskalierte Variablen durch den Mann-Whitney-U-Test.
Ergebnisse: Insgesamt wurden die Daten von 503 Studierenden eingeschlossen. Die Rücklaufquote beträgt 18,8%. Es waren 75,1% der Studierenden weiblich, 24,1% männlich und 0,8% divers. Es zeigte sich, dass 69,6% der Studierenden bereits SB im Medizinstudium erlebt hatten, wobei Frauen* signifikant häufiger betroffen waren (p<0,001). Männliche* und weibliche* Studierende beobachteten SB ähnlich häufig (p=0,475). Studierende im klinischen Studienabschnitt waren im Vergleich zu vorklinischen signifikant häufiger von SB betroffen (p<0,001). Es gaben 82,3% der Studierenden an, dass SB mehrheitlich von männlichen* Personen ausging. 19,2% der Studierenden ist die offizielle Ansprechperson für Vorfälle von SB bekannt. Siehe Abbildung 1 [Abb. 1].
Abbildung 1: Prävalenz von sexualisierter Belästigung im Medizinstudium an der Goethe-Universität
Diskussion: Die Prävalenz bestätigt internationale Befunde und liegt über bisher aus Deutschland publizierten Ergebnissen. Die höhere Betroffenheit von Frauen* entspricht der Literatur. Die Häufung im klinischen Abschnitt und der häufige Bezug zu Patient*innen verdeutlichen die besondere Situation im Ausbildungsalltag.
Die geringe Bekanntheit von Ansprechpersonen weist auf Verbesserungsbedarf hin. Trotz Limitationen des querschnittlichen Designs unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit gezielter Präventionsmaßnahmen und weiterer Forschung im deutschen Kontext.
Take-Home-Messages: Die erhobene Prävalenz verdeutlicht, dass Medizinstudierende im Studium häufig mit SB konfrontiert sind. Die Kombination aus hoher Prävalenz und der geringen Bekanntheit der offiziellen Ansprechperson unterstreicht die Notwendigkeit zusätzlicher Schutz- und Präventionsmaßnahmen.
Literatur
[1] Fnais N, Soobiah C, Chen MH, Lillie E, Perrier L, Tashkhandi M, Straus SE, Mamdani M, Al-Omran M, Tricco AC. Harassment and discrimination in medical training: a systematic review and meta-analysis. Acad Med. 2014;89(5):817-827. DOI: 10.1097/ACM.0000000000000200[2] Schoenefeld E, Marschall B, Paul B, Ahrens H, Sensmeier J, Coles J, Pfleiderer B. Medical education too: sexual harassment within the educational context of medicine: insights of undergraduates. BMC Med Educ. 2021;21(1):81. DOI: 10.1186/s12909-021-02497-y
[3] National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine; Policy and Global Affiars; Committee on Women in Science, Engineering, and Medicine; Committee on the Impacts of Sexual Harassment in Academia, Benya FF, Widnall SE, Johnson PA, editors. Sexual Harassment of Women: Climate, Culture, and Consequences in Academic Sciences, Engineering, and Medicine. Washington (DC): National Academies Press; 2018. DOI: 10.17226/24994



