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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Prozesse der Sinnkonstruktion und Resilienzentwicklung im Medizinstudium und ärztlichen Beruf

Laurids Nieber - Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Lehr- und Lernforschung, Hannover, Deutschland
Sandra Steffens - Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Lehr- und Lernforschung, Hannover, Deutschland
Felix Joachimski - Universität Augsburg, Department of Medical Education, Augsburg, Deutschland
Marie Mikuteit - Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Lehr- und Lernforschung, Hannover, Deutschland

Text

Hintergrund: Das Medizinstudium und der ärztliche Beruf gelten als besonders sinnstiftend. Gleichzeitig berichten Medizinstudierende und Ärzt*innen von psychischer Belastung, Erschöpfung und Zweifeln am Verbleib in der kurativen Medizin trotz anhaltender inhaltlicher Begeisterung. Die idealisierten Vorstellungen ärztlicher Tätigkeit, in denen Wirksamkeit, Autonomie und Sinn zentrale Bezugspunkte darstellen, unterscheiden sich von der erlebten Realität. Ein hohes Maß an erlebtem Sinn im ärztlichen Beruf ist mit geringeren Burnout-Raten, höherer Arbeitszufriedenheit und größerer beruflicher Persistenz assoziiert. Aus diesem Grund ist die Analyse der Sinnfindung von großer Relevanz. Ziel dieser Arbeit ist es, Prozesse der Sinnkonstruktion, Sinnkrise und Resilienzentwicklung im Medizinstudium und ärztlichen Beruf modellhaft zu rekonstruieren.

Methode: Grundlage war eine qualitative Analyse von 15 Reddit-Threads im Subreddit Medizinstudium. Rund 45.000 Nutzer*innen verfassen pro Woche 1000 Threads, in denen unter anderem Fragen zum Sinnerleben und zur Resilienz thematisiert werden. Die Auswertung erfolgte nach der Grounded-Theory von Corbin und Strauss in einem mehrstufigen Codierprozess mit MAXQDA.

Ergebnisse: Die Analyse zeigte, dass Sinnerleben ein dynamischer Prozess ist. Die intrinsische Motivation, Medizin zu studieren, das persönliche Netzwerk und die Rahmenbedingungen im Studium und in der Praxis bringen die Mediziner*innen dazu, sich mit der Professionellen Identitätsentwicklung und Quellen sowie Bruchstellen des Sinnerlebens auseinanderzusetzen. Die Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns waren mit einem subjektiven Resilienzgewinn assoziiert. Die Einbindung in das medizinische System bringt Mediziner*innen bei Sinnverlust in einen Kreislauf von Neuorientierung und Sinngewinn. Die dadurch erworbene Handlungsmacht ermöglicht ihnen Ursachen der Sinnkrise zu erkennen, diese aktiv zu ändern, aber auch Unterstützung des persönlichen Netzwerkes zu nutzen. Häufig angewandte Strategien sind das Ausprobieren neuer Tätigkeiten, das Finden der eigenen Nische oder die Wahl eines patient*innenfernen Faches.

Diskussion: Die Ergebnisse verdeutlichen ein Spannungsfeld zwischen hoher Sinnbindung an die Medizin bei gleichzeitigem Sinnverlust im Arbeitsalltag. Resilienz zeigt sich als Ergebnis aktiver Sinnrekonstruktion, etwa durch Neubewertung ärztlicher Rollen, Grenzziehung oder die bewusste Fokussierung auf sinnstiftende Aspekte der Tätigkeit. Diese Arbeit liefert potentielle Ansatzpunkte für Interventionen im Medizinstudium, um Sinnkrisen frühzeitig zu adressieren und professionelle Resilienz systematisch zu fördern.

Take-Home-Messages: Das Sinnerleben im ärztlichen Kontext ist ein dynamischer Prozess, der den Umgang mit Belastungen erleichtert und die Resilienz fördert. Die medizinische Ausbildung sollte die professionelle Identitätsarbeit und Sinnreflexion thematisieren.