Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Zwischen Hierarchie und Autonomie – Studienergebnisse zur ärztlichen Delegation als Impuls für das interprofessionelle Lernen von Pflege und Medizin
Text
Problembeschreibung/Zielsetzung: In der stationären Akutversorgung sind interprofessionelle Zuständigkeiten bei der ärztlichen Delegation oft unscharf definiert, was bei Pflegenden den Ruf nach Rechtssicherheit weckt. Es zeigt sich eine offensichtliche Diskrepanz zwischen formaler Befähigung und tatsächlicher Handlungsfreiheit der Pflegefachpersonen. Ziel ist es, diese Lücke als Ausgangspunkt für interprofessionelle Lernprozesse zu nutzen, um das Rollenverständnis nachhaltig zu stärken. Die Präsentation nutzt dafür Untersuchungsbefunde als Impulse für interprofessionelle Lernangebote.
Projektbeschreibung/Evaluationsmethoden: Die strukturellen Bedingungen der Delegation wurden mittels Dokumentenanalyse der Delegationspläne ostdeutscher Universitätskliniken untersucht. Die didaktische Basis der abgeleiteten Lernangebote bildet das phänomenologische Bearbeitungsmodell nach Walter [1]. Dabei dient eine authentische Situation aus der Intensivpflege als Grundlage für eine Lernsequenz innerhalb der Fachweiterbildung Intensiv- und Anästhesiepflege. Um die identifizierten Phänomene für eine vertiefte Auseinandersetzung im Lernkontext nutzbar zu machen, werden diese direkt mit den empirischen Untersuchungsergebnissen verknüpft.
Ergebnisse: Die Analyse offenbarte eine stark ausgeprägte formale Heterogenität hinsichtlich der etablierten Delegationsregelungen an den Kliniken. Im Einklang mit aktuellen Studien [2] bestätigt sich das Fehlen klarer interprofessioneller Abgrenzungen zulasten der praktischen Handlungssicherheit.
Diskussion: Zur Schließung der „Theory-Practice-Gap“ orientiert sich die Plenardiskussion an drei Leitfragen:
- Wie lassen sich die Befunde in Lernsettings nutzen?
- Welche strukturellen Veränderungen in Ausbildungs- und Studiengängen sind nötig, um durch interprofessionelles Lernen eine gesteigerte Handlungsfreiheit und -sicherheit zu erreichen?
- Wie müssen interprofessionelle Lernarrangements gestaltet sein, damit Pflegende ein kompetenzbewusstes Rollenverständnis entwickeln und Mediziner*innen zeitgleich die rechtssichere Delegation erlernen?
Take-Home-Messages:
- Die aktuelle Heterogenität in der ärztlichen Delegation erfordert zwingend eine rechtliche und praktische Klärung, da klare Zuständigkeiten die Basis für Handlungssicherheit bilden.
- Eine zukunftssichere Patientenversorgung erfordert strukturelle Anpassungen in der interprofessionellen Ausbildung.
- Ein kompetenzbewusstes Rollenverständnis und sicheres Delegationsverhalten müssen durch gemeinsame, interprofessionelle Lernprozesse integrativ gefördert werden.
Der Beitrag greift die Erweiterung von Handlungsspielräumen von (zukünftigen) Pflegefachpersonen sowie die Handlungssicherheit von (zukünftigen) Mediziner*innen auf und wie beides durch interprofessionelle Lernangebote gestärkt werden können.
Literatur
[1] Walter A. Der phänomenologische Zugang zu authentischen Handlungssituationen - ein Beitrag zur empirischen Fundierung von Curriculumentwicklungen. In: Weyland U, Kaufhold M, Nauerth A, Rosowski E, editors. Berufsbildungsforschung im Gesundheitsbereich. Hamburg: bwp@berufs- und Wirtschaftspädagogik – online; 2015.[2] Mehringer D, Jahn P, Linoh KP, Wienke A, Michl P, Walldorf J. Praxis und Herausforderungen der Delegation ärztlicher Tätigkeiten im interprofessionellen Arbeitsalltag der stationären Krankenversorgung in Deutschland: eine explorative Befragung [Practice and challenges of delegating medical tasks in the interprofessional everyday work of inpatient healthcare in Germany - An exploratory survey]. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. 2024;186:10-17. DOI: 10.1016/j.zefq.2024.01.007



