Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Einfluss der emotionalen Intelligenz und Bindungsstile auf die patientenzentrierte Kommunikation Medizinstudierender an der TU Dresden
Text
Hintergrund/Fragestellung: Patientenzentrierte Kommunikation beeinflusst Behandlungsqualität und Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung. Sie kann zudem durch Emotionale Intelligenz (EI) und Bindungsstile mitbedingt sein. Bisher ist jedoch wenig darüber bekannt, in welchem Zusammenhang diese Faktoren stehen. Diese Studie untersucht die Zusammenhänge von Einstellungen zur Patientenzentrieren Kommunikation, EI und Bindungsstile im Vergleich von Modell- und Regelstudiengang.
Methoden: Die Querschnittsstudie fand im Wintersemester 2023/2024 an der TU Dresden statt. N=327 Medizinstudierende (Modell n=100; M=22,5 Jahre; SD=2,9 und Regel n=226; M=23,7 Jahre; SD=3,3) nahmen an dem anonymisierten Fragebogen teil.
Zur Erfassung der patientenzentrierten Kommunikation wurde der PPOS-D12 [1] mit den Subskalen Partizipation und Zuwendung/Interesse eingesetzt. Für die EI wurde der TEIQue-SF [2] (Emotionality, Well-Being, Self-Control, Sociability) erhoben. Bindungsstile wurden mit dem RSQ [3] (Angst vor Trennung, Angst vor Nähe, fehlendes Vertrauen, Wunsch nach Unabhängigkeit) erfasst. Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden Korrelationen, Friedman-Tests und Mann-Whitney-U-Tests berechnet.
Ergebnisse: In der Gesamtstichprobe überwog bei den Studierenden die patientenzentrierte Einstellung im Bereich Zuwendung/Interesse gegenüber Partizipation (Friedman: χ² (1)=156,33; p<0,001; Kendall’s W=0,48). Innerhalb der EI-Subskalen waren Well-Being und Emotionality am stärksten ausgeprägt, Sociability und Self-Control niedriger (χ² (3)=217,03; p<0,001; W=0,22). Bei den Bindungsstilen war Wunsch nach Unabhängigkeit am höchsten und Angst vor Nähe am niedrigsten ausgeprägt (χ² (3)=410,45; p<0,001; W=0,42).
In den Zusammenhängen zeigten sich: Eine stärkere patientenzentrierte Haltung war positiv mit EI-Facetten assoziiert (z.B. Emotionality – Partizipation r=0,19, p<0,001; Emotionality – Zuwendung r=0,27; p<0,001). Umgekehrt gingen unsicher-vermeidende Bindungsstile mit geringerer Patientenorientierung (Partizipation – Angst vor Nähe: r= -0,18, p<0,001) sowie mit niedrigeren Ausprägungen der EI-Subskala Well-Being (fehlendes Vertrauen-Well-Being r= -0,52, p<0,001) einher.
Zwischen Modell- und Regelstudiengang zeigten sich insgesamt kaum Unterschiede in EI und Bindungsstilen; signifikant war nur Zuwendung/Interesse (Regel> Modell: U=8623; p<0,001; r=0,19).
Diskussion: Die Ergebnisse sprechen dafür, dass höhere EI – insbesondere Emotionality – mit stärkerer Patientenorientierung einhergeht, während Nähevermeidung und fehlendes Vertrauen mit geringerer Partizipation und Zuwendung verbunden sind. Die weitgehende Ähnlichkeit zwischen Regel- und Modellstudiengang legt nahe, dass individuelle Merkmale relevanter sein könnten als der curriculare Typ.
Take-Home-Messages:
- EI und Bindungsstile sind relevant für patientenzentrierte Einstellungen.
- Nähevermeidung/ fehlendes Vertrauen markieren eine Risikokonstellation für geringere Partizipation.
Literatur
[1] Kiessling C, Fabry G, Fischer MR, Steiner C, Langewitz W. Deutsche Übersetzung und Konstruktvalidierung der Patient-Provider-Orientation Scale (PPOS-D12) [German translation and construct validation of the Patient-Provider-Orientation Scale (PPOS-D12)]. Psychother Psychosom Med Psychol. 2014;64(3-4):122-127. DOI: 10.1055/s-0033-1341455[2] Petrides KV, Furnham A. Trait emotional intelligence: psychometric investigation with reference to established trait taxonomies. Eur J Pers. 2001;15(6):425-448. DOI: 10.1002/per.416
[3] Steffanowski A, Opitz M, Moltner A, Schauenburg H, Wittmann WW, Nübling R. Psychometrische Überprüfung einer deutschsprachigen Version des Relationship Scales Questionnaire (RSQ). In: Brähler E, Schumacher J, Strauß B, editors. Diagnostische Verfahren in der Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe; 2001. p.320-342.



