Logo

Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Integration des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in einen kommunal getragenen Modellstudiengang Medizin – erste Evaluationsergebnisse zur curricularen Verankerung und Etablierung von Lehrgesundheitsämtern in Brandenburg

Susanne Pruskil - Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), Zentrum für Versorgungsforschung, Neuruppin, Deutschland
Chiara Dämmer - Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), Zentrum für Versorgungsforschung, Neuruppin, Deutschland
Felix Freigang - Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), Zentrum für Versorgungsforschung, Neuruppin, Deutschland
Susanne Haucke - Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Neuruppin, Deutschland
Tim Holetzek - Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Neuruppin, Deutschland
Axel Mertens - Landeshauptstadt Potsdam, Gesundheitsamt, Potsdam, Deutschland

Text

Problembeschreibung: Die COVID-19-Pandemie hat die zentrale Rolle des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) im Gesundheitssystem verdeutlicht. Der „Pakt für den ÖGD“ fordert eine stärkere curriculare Verankerung im Medizinstudium [1]. Studien zeigen jedoch, dass Studierende nur begrenztes Wissen über Aufgaben und Tätigkeitsfelder des ÖGD besitzen [2]. Obwohl dieser seit der Approbationsordnung 2002 im Querschnittsbereich 3 verankert ist, besteht weiterhin Handlungsbedarf [3]. Ziel des Projekts an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) ist es, den ÖGD strukturiert, longitudinal und praxisnah in den Modellstudiengang zu integrieren.

Projektbeschreibung: Zunächst erfolgte eine systematische Curriculumsanalyse, um geeignete Module zu identifizieren. Parallel wurden Gesundheitsämter als Lehrgesundheitsämter gewonnen und gemeinsam Lehrkonzepte entwickelt. Die Integration umfasst interdisziplinäre Seminare, Praktikumstage im Gesundheitsamt sowie perspektivisch eine strukturierte Einbindung ins Praktische Jahr (PJ). Mitarbeitende der Gesundheitsämter erhielten das Angebot einer didaktischen Schulung. Die Evaluation erfolgt durch standardisierte Studierendenbefragungen und qualitative Rückmeldungen der Lehrenden.

Ergebnisse: Sechs curriculare Anknüpfungspunkte wurden identifiziert: zwei im ersten Studienabschnitt (Berufsfelderkundung, Wahlpflichtfach), zwei im Übergang zum zweiten Studienabschnitt (Gesundheitsversorgung, Wissenschaftspraktikum) sowie praktische Ausbildungsanteile (Famulatur, PJ) in den Semestern 7-12. Eine Pflichtveranstaltung im 7. Semester wurde implementiert, weitere Formate sind Wahlangebote. Acht von 18 angefragten Gesundheitsämtern konnten als Kooperationspartner gewonnen werden. Ein interdisziplinäres Seminar wurde erweitert. Für die Praktikumstage im Gesundheitsamt entstanden strukturierte Fallszenarien zu Infektionsschutz und Hygiene, Kindergesundheit, Sozialpsychiatrie und Bestattungswesen. Erste Evaluationen zeigen hohe Akzeptanz und Zufriedenheit, sowie ein erweitertes Verständnis für Aufgaben und Bedeutung des ÖGD. Der organisatorische und personelle Aufwand in den Gesundheitsämtern wird jedoch als herausfordernd beschrieben.

Diskussion: Die Integration des ÖGD in einen Modellstudiengang Medizin ist realisierbar und wird als gewinnbringend bewertet. Die nachhaltige Umsetzung hängt jedoch stark vom Engagement einzelner Akteur/innen ab, da Lehre bislang keine gesetzlich verankerte Kernaufgabe der Gesundheitsämter ist. Begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen erschweren insbesondere die Ausweitung im PJ. Langfristig sind verlässliche strukturelle und politische Rahmenbedingungen entscheidend für die Verstetigung.

Take-Home-Messages:

  • Eine longitudinale, praxisnahe Integration des ÖGD in das Medizinstudium ist realisierbar.
  • Kooperationen mit kommunalen Gesundheitsämtern sind zentral, erfordern jedoch strukturelle Unterstützung.
  • Frühe und verpflichtende Lehrformate fördern Verständnis und Interesse für den ÖGD.

Literatur

[1] Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Nachhaltige Verankerung des Öffentlichen Gesundheitswesens im Medizinstudium. 3. Stellungnahme des Beirates Pakt ÖGD - Strukturelle und zukunftsorientierte Weiterentwicklung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Berlin: Beirat zur Beratung zukunftsfähiger Strukturen im Öffentlichen Gesundheitsdienst; 2025. Zugänglich unter/available from: https://www. bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/ Dateien/3_Downloads/O/OEGD/Beirat_POEGD_ RG3_Stellungnahme_bf.pdf
[2] Arnold L, Kellermann L, Hommes F, Jung L, Gepp S, Fischer F, Szagun B, Starke D, Stratil JM. “Havingimpact, makingadifference” – Ansätze zur Steigerung der Attraktivität des ÖGD als zukünftiger Arbeitgeber. Ergebnisse und Empfehlungen aus zwei bundesweiten Onlinebefragungen [“Having Impact, Making a Difference” Approaches to Increase the Attractiveness of the PHS as a Prospective Employer: Results and Recommendations from two Nationwide Online Surveys]. Gesundheitswesen. 2023;85(10):945-954. DOI: 10.1055/a-2125-5322
[3] Wiemschulte J. Stand der Lehre des Öffentlichen Gesundheitswesens im Humanmedizinstudium in Deutschland [Teaching public health in human medicine studies in Germany]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2025;69():75-88. DOI: 10.1007/s00103-025-04115-4