Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Partizipativ entwickelte Erfahrungsvideos als Lernformat im asynchronen E-Learning zur Fort- und Weiterbildung: Sensibilisierung von Mediziner*innen und Gesundheitsfachberufen für kommunikative und kognitive Beeinträchtigungen
Text
Hintergrund/Fragestellung: Menschen mit kognitiven und sprachlichen Beeinträchtigungen (MmksB) erleben im Gesundheitswesen häufig kommunikative Barrieren, die Versorgungsqualität und Patient*innensicherheit beeinträchtigen [1]. In der Aus-, Fort- u. Weiterbildung von Gesundheitsfachberufen/Mediziner*innen sind niedrigschwellige, praxisnahe Lehrformate zur gezielten Sensibilisierung für die besonderen Kommunikationsbedarfe von MmksB selten [2], [3]. Im Forschungsprojekt OptiKomm wurden partizipativ mit MmksB Erfahrungsvideos für eine Kommunikationsschulung konzipiert und in ein asynchrones E-Learning zur Fort- und Weiterbildung von Mediziner*innen und Gesundheitsfachberufen eingebettet. Untersucht wurde: Welchen Beitrag die Videos zur Sensibilisierung von Mediziner*innen/Gesundheitsfachberufen hinsichtlich der spezifischen Bedarfe und Bedürfnisse von MmksB leisten.
Methoden: Im Rahmen eines partizipativen Ansatzes wirkten vier MmksB an der Entwicklung des Lernformats (Kommunikationsschulung) und der Videoerstellung mit. Die Videos basieren auf persönlichen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem und wurden im Sinne eines Storytelling-Ansatzes narrativ aufbereitet; sie thematisieren Herausforderungen, Diskriminierungserfahrungen, Bedürfnisse und gelingende Kommunikationsstrategien. Die didaktisch mittels Leitfragen strukturierten Videos wurden in ein asynchrones E-Learning-Modul mit Reflexionsfragen und Transferaufgaben integriert. Die Evaluation erfolgte mittels standardisierter Prä-Post-Selbsteinschätzungen und qualitativer Feedbackangaben.
Ergebnisse: Insgesamt haben 39 TN den E-Learning-Teil der Kommunikationsschulung erfolgreich abgeschlossen. Ein Großteil gab an, dass die videobasierten Erfahrungsberichte dazu beitrugen, Patient*innen differenzierter einzuschätzen und somit deren individuelle Bedarfe gezielter in die Versorgung zu integrieren. Zudem zeigten sich eine erhöhte Sensibilität für spezifische kommunikative Anforderungen sowie ein vertieftes Verständnis patient*innenseitiger Perspektiven. Die Authentizität der Berichte wurde als zentraler Lernfaktor hervorgehoben, insbesondere im Hinblick auf Perspektivübernahme und nachhaltige Reflexionsprozesse.
Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass partizipativ entwickelte Erfahrungsvideos in asynchronen E-Learning-Formaten ein vielversprechender Ansatz zur Sensibilisierung sein können. Die Verbindung erfahrungsbasierter Patient*innenperspektiven mit strukturierter Reflexion scheint reflexive Lernprozesse zu unterstützen. Aufgrund der ausschließlichen Selbsteinschätzungen und fehlender Langzeitdaten sind Aussagen zur tatsächlichen Verhaltensänderung im Versorgungsalltag jedoch nur eingeschränkt möglich.
Take-Home-Message: Partizipative und lebensweltnahe Videoinhalte fördern Perspektivübernahme sowie Sensibilisierung der Mediziner*innen/Gesundheitsfachberufe und zeigen Potenzial für nachhaltige Veränderungen im Kommunikationsverhalten.
Literatur
[1] Wellkamp R, de Cruppé W, Schwalen S, Geraedts M. Menschen mit geistiger Behinderung (MmgB) in der ambulanten medizinischen Versorgung: Barrieren beim Zugang und im Untersuchungsablauf [People with intellectual disabilities (ID) in outpatient medical care: barriers to access and treatment process]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2023;66(2):184-198. DOI: 10.1007/s00103-023-03655-x[2] Trollor JN, Eagleson C, Ruffell B, Tracy J, Torr JJ, Durvasula S, Iacono T, Cvejic RC, Lennox N. Has teaching about intellectual disability healthcare in Australian medical schools improved? A 20-year comparison of curricula audits. BMC Med Educ. 2020;20(1):321. DOI: 10.1186/s12909-020-02235-w
[3] Mainz A, Meister S, Budroni H, Hasseler M, Schmidt P, Stockmann J, Schulte AG, Kersting C, Mortsiefer A, Schmidt A. Schnittstellenkommunikation und Informationstransfer in der medizinischen Versorgung von Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung: Qualitative Expert*innen-Interviews [Interface Communication and Information Transfer in Medical Care for People with Intellectual Disabilities: Qualitative Expert Interviews]. Gesundheitswesen. 2024;86(5):380-388. DOI: 10.1055/a-2167-2245



