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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Koordinationsprozesse in der klinischen Lehre: Eine zeitbasierte Analyse von Common Ground und Joint Visual Attention

Michelle Bellstedt - Universität Münster, Anatomie und Molekulare Neurobiologie, Münster, Deutschland
Dogus Darici - Universität Münster, Anatomie und Molekulare Neurobiologie, Münster, Deutschland

Text

Situierte Lehr-Lernräume wie der OP-Saal sind für Medizinstudierende häufig durch kurze Rotationen sowie geringe Kenntnisse über Personen und Abläufe geprägt. Studien zeigen, dass in diesen hochdynamischen Umgebungen die Koordination von gemeinsamer visueller Aufmerksamkeit (Joint-Visual-Attention, JVA) und das gegenseitige Verständnis über aufgabenrelevante Inhalte (Common-Ground, CG) essentiell für den Lernerfolg sind [1]. Dabei bezeichnet Grounding den Prozess, durch den CG schrittweise hergestellt wird [2]. Ziel dieser Studie war es, erstmals die instruktionsformabhängige zeitliche Dynamik von Grounding und JVA in einer natürlichen klinischen Lehrsituation zu erfassen.

Untersucht wurden 57 Lehrenden-Studierenden-Dyaden während eines Endoskopietrainings in einem simulierten OP-Saal. Verbales Grounding (z.B.: Zustimmungssignale) wurde in drei Stufen kodiert (CG1-3), nonverbales Grounding als instruktionale Hinweise (z.B. Gesten) erfasst. JVA wurde mittels dualem mobilem Eye Tracking gemessen. Verglichen wurden Instruktionsphasen (Modeling vs. Coaching) sowie Phasenabschnitte (early vs. late). Die Auswertung erfolgte mittels Varianzanalysen mit Messwiederholung und Kontrastanalysen (Holm-korrigiert), sowie Effektstärken mit ηp² und Cohen’s d.

Es zeigten sich signifikante Haupteffekte hinsichtlich der Phase für mehrere Grounding-Stufen: CG1 (p<.001, ηp²=.62), CG3 (p=.017, ηp²=.15), sowie Nonverbales Grounding (p<001, ηp²=.59) mit höheren Werten im Coaching. Wohingegen CG2 signifikant häufiger im Modeling auftrat, p<.001, ηp²=.74 (vgl. Abbildung 1 [Abb. 1]).

Abbildung 1: Phasen- und zeitabhängige Unterschiede in Grounding-Stufen und Joint Visual Attention
Anmerkung: Dargestellt sind Mittelwerte (±95 %-KI) der Grounding-Stufen (A-D) und der Joint Visual Attention (E) in Modeling und Coaching über die zeitliche Sequenz (Early vs. Late).

Verbales Grounding zeigte keinen Zeiteffekt (p=.120-.920, ηp²=.09-0.001), während nonverbales Grounding über die Zeit abnahm (p<.001, ηp²=.40).

Für JVA zeigte sich eine signifikante Phase×Zeit-Interaktion (p=.003, ηp²=.17). JVA nahm in beiden Phasen ab, jedoch stärker im Modeling (ΔLate-Early=-2.48, d = 0.93) als im Coaching (ΔLate-Early=-0.79, d=0.29). Zudem lag signifikant weniger JVA am Phaseende im Modeling als im Coaching vor (p=.032, d=0.29).

Modeling und Coaching unterscheiden sich nicht nur quantitativ, sondern qualitativ im CG: Coaching ist durch aktive Begriffsarbeit (CG1), instruktionalen Informationsaustausch (CG3) und nonverbale Referenzierung geprägt, während im Modeling eher passives Zustimmungsverhalten (CG2) dominiert. In beiden Formaten nahm die JVA über die Zeit ab, was einen Ermüdigkeitseffekt impliziert, wobei dieser Effekt deutlich stärker im Modeling war. Diese unterschiedliche Koordinationsstruktur geht mit einer fragileren Aufmerksamkeitskopplung im Modeling einher. Instruktionsdesign sollte Demonstrationsphasen daher gezielt um aktive Grounding-Elemente ergänzen, statt implizite Zustimmung als ausreichendes Koordinationssignal hinzunehmen.

Take-Home-Message: Interaktionsstrukturen, wie sie in der Coaching-Phase implementiert wurden, bieten einen Ansatzpunkt zur strukturierten Gestaltung von Koordination in dynamischen klinischen Lehrsetting.


Literatur

[1] Sieg L, Eismann H, Schneider B, Karsten J, Darici D. How distractions undermine attentional synchronisation in Work‐Based Learning: a randomised controlled study using dual Mobile Eye‐Tracking. J Comp Ass Learn. 2025;41(3):e70059. DOI: 10.1111/jcal.70059
[2] Clark HH, Schaefer EF. Contributing to discourse. Cogn Sci. 1989;13(2):259-294. DOI: 10.1016/0364-0213(89)90008-6