Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
Was ist ein „guter Arzt“? Eine längs- und querschnittliche qualitative Analyse zur professionellen Identitätsbildung im Rahmen einer Lehrveranstaltung im Praktischen Jahr
Text
Hintergrund: Vorstellungen, was einen „guten Arzt“ oder eine „gute Ärztin“ ausmacht, unterscheiden sich je nach Perspektive der Befragten. Sind es Patient*innen, stehen vor allem kommunikative Kompetenzen im Vordergrund, bei Studierenden sind es eher fachliche und interpersonelle Qualitäten und unter Kolleg*innen sind vor allem fachliche Kompetenzen und ethische Grundsätze wichtig [1].
Das Praktische Jahr (PJ) ist eine spannende Phase im Medizinstudium, die für die professionelle Identitätsbildung relevant ist. Die Studierenden stehen an der Schwelle zwischen Student*in und Ärzt*in.
Ziel dieser Studie ist es, die professionelle Identitätsbildung von PJ-Studierenden zu betrachten und wie diese durch gezielten PJ-Unterricht im Case-Based Medical Reasoning (CBMR) Format verändert oder gestärkt werden kann.
Methoden: An der TU München wurden für PJ-Studierende (n=44) aus allen Fachbereichen Seminare im CBMR-Format angeboten. Es fanden je nach Kohorte drei bis vier Termine über einen Zeitraum von sechs Wochen statt, an denen die PJ-Studierenden in Seminaren nach CBMR-Konzept realitätsnahe, klinische Szenarien besprachen. Diese behandelten ethische Dilemmata im klinischen Alltag, rechtliche Fragestellungen und interpersonelle Konflikte. Vor dem ersten Termin und nach jedem weiteren beantworteten sie schriftlich in einer Freitextantwort: „Was ist für Sie ein guter Arzt/ eine gute Ärztin?“ und wurden gebeten, Situationen und Beispiele zu schildern. Zudem gab es eine Kontrollgruppe (n=43), die die Seminare nicht besuchte und in einem Zeitraum von sechs Wochen die Freitextaufgabe zwei Mal beantwortete.
Diese Texte wurden mittels thematischer Analyse nach Braun und Clarke ausgewertet und sowohl längsschnittlich als auch querschnittlich miteinander verglichen in einem Zeit- und Gruppenvergleich.
Ergebnisse: Die befragten PJ-Studierenden erachten besonders fachliche Kompetenzen und soziale Fähigkeiten als wichtig, was sowohl in der Interventions-, als auch in der Kontrollgruppe deutlich wird. Auch Lehre spielt für die PJ-Studierenden eine große Rolle. Ihre Antworten verorten sie zwischen Studierenden und Ärzt*innen unter den bisher befragten Gruppen.
Die Inhalte der CBMR-Seminare spiegelten sich in den Antworten der PJ-Studierenden wider und bei einem großen Teil der Befragten trugen sie zu einer Sensibilisierung der behandelten Themen bei.
Diskussion: PJ-Studierende können von für sie zugeschnittenen Seminaren oder ähnlichen Formaten profitieren und für kritische Themen sensibilisiert werden. Sie erlernen eine Herangehensweise an Situationen, die über das klinische Wissen hinausgehen. Die professionelle Identitätsbildung kann so gestärkt werden.
Take-Home-Messages: Für PJ-Studierende ist ein „guter Arzt“ oder eine „gute Ärztin“ ein Zusammenspiel aus fachlichen und sozialen Kompetenzen. Fallbasierte Seminare können Konzepte von Professionalität sichtbar machen, thematische Sensibilisierung fördern und sind im PJ besonders relevant.



