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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Konzeption, Implementierung und Evaluation eines Patient-Involvement-Lehrformats: Personen mit Krankheitserfahrung als Lehrende im Kommunikationscurriculum

Sandra Apondo - Technische Universität München, TUM Medical Education Center, München, Deutschland
Susanne Huber - Technische Universität München, TUM Medical Education Center, München, Deutschland
Martin Gartmeier - Technische Universität München, TUM Medical Education Center, München, Deutschland
Pascal O. Berberat - Technische Universität München, TUM Medical Education Center, München, Deutschland

Text

Problembeschreibung/Zielsetzung: Die Partizipation von Personen mit Krankheitserfahrung gewinnt in der medizinischen Ausbildung zunehmend an Bedeutung [1]. Gleichzeitig ist bislang wenig darüber bekannt, wie partizipative Lehrformate von den beteiligten Akteursgruppen wahrgenommen werden, welche Lerndynamiken dabei entstehen und welchen Beitrag diese Formate zur Reflexionsfähigkeit [2] und professionellen Identitätsentwicklung Medizinstudierender [3] leisten. Ziel dieser Studie war es Lernprozesse, emotionale Reaktionen sowie ambivalente Erfahrungen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Akteursgruppen zu analysieren

Projektbeschreibung/Evaluationsmethoden: Das Lehrformat wurde an der TUM School of Medicine and Health gemeinsam von Lehrenden und Menschen mit eigener Krankheitserfahrung entwickelt und im Rahmen eines Kommunikationskurses longitudinal im klinischen Studienabschnitt umgesetzt. Die Personen mit Krankheitserfahrung trugen in einem strukturierten Format eine selbstverfasstes Krankheitsnarrativ vor, gefolgt von einer offenen Diskussion und einer Übung zum Reflektierenden Schreiben. Zur Evaluation wurden halbstrukturierte Interviews mit 13 Medizinstudierenden, 8 Personen mit Krankheitserfahrung und 8 Lehrenden geführt. Ergänzend wurden 40 studentische Reflexionstexte ausgewertet. Die Datenauswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse [4] mit Fokus auf Lernatmosphäre, emotionalen Reaktionen, Rollenverständnissen und ambivalenten Wahrnehmungen.

Ergebnisse: Die Analyse zeigte eine hohe Aufmerksamkeit und emotionale Beteiligung sowie eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen professionellen Rolle. Zentrale Lernaspekte waren das bewusste Zuhören, die Auseinandersetzung mit subjektiven Krankheitserfahrungen und die Reflexion ärztlicher Haltung. Ambivalente Erfahrungen traten in Bezug auf die emotionale Offenheit der beteiligten Personen auf, die sowohl als authentisch als auch als zurückhaltend wahrgenommen wurde. Das Vorlesen der Narrative wurde als strukturierend, teils jedoch auch als emotional distanzierend erlebt. Die emotionale Resonanz reichte von Empathie bis zu Irritation. Die Lernatmosphäre wurde insgesamt als respektvoll und sicher beschrieben. Die Schreibübung unterstützte die vertieftere Reflexion

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass klar strukturierte partizipative Lehrformate ein hohes Potenzial für reflexives Lernen besitzen. Ambivalenz erwies sich als produktiver Bestandteil des Lernprozesses. Die aktive Rolle von Menschen mit Krankheitserfahrung eröffnete neue Perspektiven und unterstützte die Reflexion über professionelle Haltung. Wichtig ist eine zurückhaltende Moderation von Dozierenden.

Take-Home-Messages:

  • Partizipative Lehrformate fördern Reflexion über die professionelle Rolle.
  • Ambivalenz kann in sicherem und strukturiertem Rahmen lernförderlich sein.
  • Personen mit Krankheitserfahrung leisten einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Ausbildung.

Literatur

[1] Towle A, Bainbridge L, Godolphin W, Katz A, Kline C, Lown B, Madularu I, Solomon P, Thistlethwaite J. Active patient involvement in the education of health professionals. Med Educ. 2010;44(1):64-74. DOI: 10.1111/j.1365-2923.2009.03530.x
[2] Wald HS, Borkan JM, Taylor JS, Anthony D, Reis SP. Fostering and evaluating reflective capacity in medical education: developing the REFLECT rubric for assessing reflective writing. Acad Med. 2012;87(1):41-50. DOI: 10.1097/ACM.0b013e31823b55fa
[3] Sarraf-Yazdi S, Teo YN, How AE, Teo YH, Goh S, Kow CS, Lam WY, Wong RS, Ghazali HZ, Lauw SK, Tan JR, Lee RB, Ong YT, Chan NP, Cheong CW, Kamal NH, Lee AS, Tan LH, Chin AM, Chiam M, Krishna LK. A Scoping Review of Professional Identity Formation in Undergraduate Medical Education. J Gen Intern Med. 2021;36(11):3511-3521. DOI: 10.1007/s11606-021-07024-9
[4] Kurckartz U, editor. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (Grundlagentexte Methoden). Weinheim: Beltz Juvewnta; 2016.