Logo

Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Kognitive Prozesse beim rationalen Verschreiben: Empirische Überprüfung theoretischer Modelle zum Intervention Reasoning

Max Furian - LMU München, Medizinische Fakultät, Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, München, Deutschland; Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Corbinian Lanz - LMU München, Medizinische Fakultät, Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, München, Deutschland
Veronika Kopp - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Constanze Richters - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Matthias Stadler - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Thomas Gudermann - LMU München, Medizinische Fakultät, Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, München, Deutschland
Martin R. Fischer - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
Johann Schredelseker - LMU München, Medizinische Fakultät, Walther-Straub-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, München, Deutschland

Text

Hintergrund/Fragestellung: Im Zentrum eines kompetenzorientierten Medizinstudiums steht die Vermittlung klinischer Entscheidungskompetenz. Um diese gezielt zu unterrichten, müssen die dafür relevanten kognitiven Aktivitäten zunächst erfasst und beschrieben werden. Während es für das Diagnostizieren bereits entsprechende Modelle und daraus abgeleitete Lehrformate gibt, existieren für das anschließende Therapieren bislang nur wenige noch nicht empirisch überprüfte Modelle. In dieser Studie untersuchen wir inwieweit sich die kognitiven Prozesse erfahrener Fachärztinnen und Fachärzte mit den Handlungsschritten zweier Modelle, einem generellen Modell für Therapeutic Reasoning [1] und dem von der WHO publizierten Guide to Good Prescribing (GGP) [2] beschreiben lassen.

Methoden: Mit der Methode des Think-Aloud bearbeiteten erfahrene Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin und Allgemeinmedizin standardisierte Fallbeispiele zu Diabetes mellitus und arterieller Hypertonie, die typische pharmakotherapeutische Entscheidungssituationen abbilden. Die Aufzeichnungen wurden transkribiert und qualitativ ausgewertet. Ergänzend werden aktuell quantitative Analysen zur Häufigkeit, Abfolge und Wiederholung einzelner Handlungsschritte durchgeführt.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 30 Fallbearbeitungen von 8 Probanden ausgewertet. Diese wurden im Durchschnitt in 8:47 Minuten abgeschlossen. Die identifizierten kognitiven Aktivitäten konnten erfolgreich den Bausteinen der beiden Modelle zugeordnet werden. In 28 Fallbearbeitungen konnten sämtliche Bausteine identifiziert werden, wobei, wie aufgrund des Versuchsaufbaus zu erwarten, Aktivitäten aus dem Bereich der Therapieplanung und -auswahl häufiger codiert wurden als Aktivitäten zur Umsetzung und Überwachung. Die einzelnen Aktivitäten wurden dabei nicht linear sondern dynamisch durchlaufen, wobei die Abfolge zwischen und innerhalb der Fälle variierte.

Diskussion: Die Ergebnisse bestätigen die zentralen Interventionsaktivitäten des Modells von Richters et al. [1] und des GGPs [2], was die Eignung dieser Modelle als Basis für Lehrformate zum Intervention Reasoning untermauert. Gleichzeitig zeigen sie, dass therapeutische Entscheidungen nicht linear, sondern dynamisch, rekursiv und überlappend erfolgen. Inwiefern die rekursiven Durchläufe mit Therapieeffizienz oder -sicherheit korrelieren, wird derzeit analysiert.

Take-Home-Messages: Die in beiden herangezogenen Modellen [1], [2] definierten Interventionsaktivitäten konnten bei erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzten während der Therapieerstellung nachgewiesen werden. Die Modelle können somit für die Entwicklung eines Intervention Reasoning Curriculums und gezielter Fördermaßnahmen herangezogen werden


Literatur

[1] Richters C, Schmidmaier R, Popov V, Schredelseker J, Fischer F, Fischer MR. Intervention skills - a neglected field of research in medical education and beyond. GMS J Med Educ. 2024;41(4):Doc48. DOI: 10.3205/zma001703
[2] de Vries TP, Henning RH, Hogerzeil HV, Fresle DA. Guide to good prescribing?: a practical manual. Geneva: World Health Organization; 1994. Zugänglich unter/available from: https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/4e79820f-9519-4687-91f6-38b89f96d334/content