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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Gruppenanleitung im dualen Hebammenstudium: Didaktische Chancen für die Kompetenzentwicklung

Saskia Thiel - Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, verantwortliche Praxiseinrichtung (vPE) Hebammenwissenschaft, Hamburg, Deutschland

Text

Hintergrund/Fragestellung: Die im Jahr 2020 vollakademisierte Hebammenausbildung verankert Praxisanleitung gesetzlich und umfasst bis zu 500 Stunden im Studium [https://www.gesetze-im-internet.de/hebstprv/BJNR003900020.html]. Neben der Einzelanleitung gewinnt die Gruppenanleitung als didaktisches Format an Bedeutung – trotz fehlender empirischer Grundlage. Die Studie untersucht, wie sich die Kompetenzentwicklung von Studierenden im dualen Hebammenstudium B.Sc. in Gruppenanleitungen aus Sicht von Praxisanleiter*innen darstellt.

Methoden: Zwischen Juni und September 2025 wurden zehn leitfadengestützte Expert*innen-Interviews mit Praxisanleiter*innen aus acht Bundesländern geführt (purposive sampling). Die Auswertung erfolgte mittels fokussierter Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) mit einem induktiv-deduktiven Kategoriensystem, softwaregestützt mit MAXQDA [1].

Ergebnisse: Gruppenanleitungen erweisen sich als vielschichtiges Lehr-Lern-Setting, dessen Wirksamkeit maßgeblich von strukturellen, didaktischen und personellen Rahmenbedingungen abhängt. Die Analyse umfasst 193 Codierungen zur Kompetenzentwicklung. Im Mittelpunkt der wahrgenommenen Kompetenzförderung stehen sozial-kommunikative Fähigkeiten (n=19, 36,5%), Fachkompetenz (n=18, 34,6%), Personale Kompetenz (n=16, 30,8%) und Methodenkompetenz (n=7, 13,5%). Fachkompetenzen werden vor allem durch Anwendung und Transfer theoretischer Inhalte gestärkt, Methodenkompetenzen eher implizit entwickelt. Das Lernen in Gruppen eröffnet den Studierenden die Möglichkeit, voneinander zu lernen, Erfahrungen zu teilen und in einem geschützten Rahmen Rückmeldung zu erhalten. Grenzen zeigen sich bei großen und heterogenen Gruppen sowie in der eingeschränkten individuellen Förderung. Das Format sollte komplementär zur Einzelanleitung eingesetzt werden.

Diskussion: Die Ergebnisse verdeutlichen zentrale Spannungsfelder: Fehlen strukturelle Ressourcen, werden Gruppenanleitungen häufig zur organisatorischen Erfüllung von Anleitungszeiten genutzt – die pädagogische Intention tritt hinter quantitative Vorgaben zurück. Zugleich zeigt sich eine doppelte Professionalisierungswirkung: Gruppenanleitungen fördern nicht nur die Studierenden, sondern stärken auch die pädagogische Sicherheit und fachliche Urteilsfähigkeit der Praxisanleiter*innen selbst.

Take-Home-Messages: Gruppenanleitungen sind ein pädagogisch wertvolles, aber voraussetzungsreiches Format. Sie fördern kollaborative, reflexive und kommunikative Kompetenzen – können Einzelanleitungen jedoch nicht ersetzen. Ihr Potenzial entfaltet sich dort, wo sie didaktisch fundiert geplant und strukturell ermöglicht werden. Die Studie schließt eine Forschungslücke und verweist auf den Bedarf an curricularer Verankerung, verbindlichen Qualitätsstandards und pädagogischer Qualifizierung der Praxisanleiter*innen.


Literatur

[1] Kuckartz U, Rädiker S. Fokussierte Interviewanalyse mit MAXQDA, Schritt für Schritt. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS Wiesbaden; 2024. DOI: 10.1007/978-3-658-40212-9