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Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)


17.-19.09.2026
Dresden

Meeting Abstract

Vom impliziten Wissen zur beobachtbaren Praxis – Reflexion sichtbar machen

Alisa Trummer - Evangelische Hochschule Dresden, Simulationslabor Pflege, Dresden, Deutschland

Text

Hintergrund/Fragestellung: Reflexionskompetenz gilt als Schlüsselqualifikation für Gesundheitsberufe und ist in der Pflegeausbildung curricular verankert. Dennoch mangelt es an empirisch fundierten Erkenntnissen darüber, wie sich reflexive Prozesse konkret manifestieren [1], [2]. Donald Schöns Konzept der Reflection-in-Action beschreibt handlungsbegleitende Reflexion als charakteristisches Merkmal professionellen Handelns, operationalisiert diese jedoch nicht für die Lehrpraxis [3]. Die Forschungsfrage lautet daher: Welche beobachtbaren Indikatoren der Reflection-in-Action manifestieren sich in Handlungsprozessen erfahrener Pflegefachpersonen im Simulationslabor?

Methoden: Mittels sequenzieller Videografie wurden fünf erfahrene Pflegefachpersonen während der Perfusor-Vorbereitung aufgezeichnet (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Das Videomaterial wurde anhand von theoriegeleiteten Indikatoren systematisch in MAXQDA kodiert. Dabei bestand jederzeit eine Offenheit für induktive Codes. Die Validierung erfolgte durch halbstrukturierte Interviews zur Triangulation der beobachteten Verhaltensweisen.

Abbildung 1: Versuchsaufbau im Dienstzimmer des SimLabs

Ergebnisse: Die Analyse identifizierte 375 Codes insgesamt: 278 aus den Videoanalysen und 97 aus den Interviews. Die videografisch beobachteten Indikatoren verteilten sich auf fünf Hauptkategorien: verbale Äußerungen 20%, körperliche Ausdrücke 18%, Umgang mit Material 18%, Blick und Aufmerksamkeit 17%, Arbeitsfluss und Rhythmus 8%. Induktive Befunde machten 19% aus und erweiterten das theoretische Spektrum um materielle und strategische Dimensionen. Erhebliche interindividuelle Unterschiede (35-97 Indikatoren pro Person) deuten auf verschiedene Reflexionsstile hin. In 74% der Reflexionssequenzen manifestierten sich mindestens drei Kategorien simultan.

Diskussion: Die Studie operationalisiert erstmals Schöns abstraktes Konzept der Reflection-in-Action empirisch für die Pflegebildung und macht reflexive Prozesse durch konkrete Verhaltensweisen beobachtbar und damit lehrbar. Die identifizierten Indikatoren ermöglichen die Formulierung konkreter Lernziele statt abstrakter Anforderungen wie „reflexiv handeln". Dies bedeutet, dass Lehrende z.B. im Simulationslernen gezielt an beobachteten Reflexionsmomenten intervenieren können (bspw. durch Stop-and-Go-Techniken), gezieltes Feedback zu reflexivem Verhalten geben und Reflexionskompetenz systematisch ab Studienbeginn fördern können. Die Befunde tragen zur Erhöhung der Patient*innensicherheit bei, indem implizites Expert*innenwissen explizit und damit strukturiert vermittelbar wird.

Take-Home-Message: Durch eine systematische Videoanalyse wurden beobachtbare Indikatoren für Reflection-in-Action identifiziert. Die identifizierten Indikatoren zeigen unterschiedliche Reflexionsstile, die gleichwertig sind. Implizites Expert*innenwissen wird durch die Operationalisierung explizit und damit systematisch lehrbar. Die Befunde ermöglichen den gezielten Einsatz reflexionsfördernder Methoden, wie Stop-and-Go-Techniken, im simulationsbasierten Lernen.


Literatur

[1] Patel KM, Metersky K. Reflective practice in nursing: A concept analysis. Int J Nurs Knowl. 2022;33(3):180-187. DOI: 10.1111/2047-3095.12350
[2] Mulli J, Nowell L, Swart R, Estefan A. Undergraduate nursing simulation facilitators lived experience of facilitating reflection-in-action during high-fidelity simulation: A phenomenological study. Nurse Educ Today. 2022;109:105251. DOI: 10.1016/j.nedt.2021.105251
[3] Schön DA. The reflective practitioner. How professionals think in action. Aldershot: Ashgate; 1983.