28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Alltagsnahe Geräusche in der Kinderaudiometrie: Hörschwellenvergleich zu Reintönen und Analyse von Detektions- und Erkennungsschwellen
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Fragestellung: Die präzise Bestimmung von Hörschwellen ist eine zentrale Voraussetzung für zuverlässige audiologische Diagnostik, insbesondere in der Pädaudiologie. Untersucht wurde daher, ob alltagsnahe, frequenzspezifisch gefilterte Geräusche eine valide Ergänzung zu klassischen Reintönen für die Hörschwellenbestimmung darstellen und wie sich Detektionsschwellen (Yes/No) und Erkennungsschwellen in einer kinderspezifischen 4-Alternative-Forced-Choice-Aufgabe (4AFC) zueinander verhalten. Zudem wurde geprüft, wie sich die Umrechnung von dB SPL zu dB HL anhand reiz- und frequenzspezifischer RETSPL-Äquivalente konsistent durchführen lässt.
Methodik: In einem Freifeldaufbau wurden bei 15 jungen, normalhörenden Erwachsenen (18–28 Jahre) Hörschwellen für vier Oktavfrequenzen (500, 1.000, 2.000, 4.000 Hz) erhoben. Als Stimuli dienten Sinustöne sowie kindgerechte Geräusche (Plantschen, Schafe, Telefon, Lachen, Spieluhr, Glöckchen, Rumbakugel). Die Pegelkalibrierung erfolgte pegelgerichtet in dB SPL, die Schwellen wurden adaptiv mit einem 1-up/2-down Verfahren und abgestuften Schrittweiten bestimmt. Aus den Detektionsmessungen wurden eigene reiz- und frequenzspezifische Referenzäquivalente (RETSPL-Äquivalente) abgeleitet, um die Erkennungsschwellen der 4AFC-Aufgabe konsistent in dB HL darzustellen.
Ergebnisse: Die Reintonschwellen entsprachen den ISO-389-7-Referenzwerten. Die alltagsnahen Geräusche zeigten eine größere Streuung und teils systematische Abweichungen, besonders im mittleren Frequenzbereich. Mehrere Stimuli lagen unter den entsprechenden Reintonschwellen, während hochfrequente Reize eher geringe oder uneinheitliche Differenzen aufwiesen. Im Vergleich der Testverfahren lagen die Erkennungsschwellen der 4AFC-Aufgabe für mehrere Alltagsgeräusche geringfügig unter den Detektionsschwellen der entsprechenden Reinton-Referenzen im Yes/No-Paradigma (typisch −2 bis −3 dB). Der Effekt war stimulusabhängig, ohne ausgeprägten Frequenzeffekt. Verwechslungsanalysen belegen vermehrte Konfusionen nahe der Hörschwelle, besonders im Hochtonbereich.
Schlussfolgerungen: Alltagsgeräusche können die Tonaudiometrie kindgerecht ergänzen, ohne die Frequenzspezifität grundsätzlich zu kompromittieren. Die Umrechnung von dB SPL nach dB HL über eigene, referenzäquivalente Hörschwellenpegel (RETSPL) erweist sich als schlüssig und praxistauglich. Für die pädaudiologische Anwendung scheint eine gezielte Stimulusauswahl wichtiger zu sein als eine reine Verfahrensoptimierung. Größere, kinderbezogene Stichproben sowie eine erweiterte Stimuluspalette sind als nächste Schritte sinnvoll.



