28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Einfluss der Morphologie des äußeren Gehörgangs auf die Tympanometrie-Klassifikation bei jungen normalhörenden Erwachsenen
Text
Hintergrund: Vereinzelt lassen sich auch bei jungen, normalhörenden Erwachsenen Tympanogramme vom Typ As beobachten, obwohl dieser Typ klassischerweise mit erhöhter Mittelohrsteifigkeit oder Otosklerose assoziiert wird [1]. Normative Tympanometriedaten zeigen, dass auch bei gesunden Probanden reduzierte Compliance-Werte (< 0,3 ml) auftreten können [2]. Dies wirft die Frage auf, ob derartige Befunde bei unauffälligem Hörstatus tatsächlich pathologische Ursachen haben oder ob anatomische Faktoren, etwa Eigenschaften des äußeren Gehörgangs, dazu beitragen könnten.
Zielsetzung: Ziel dieser Arbeit war es, den Einfluss der Gehörgangsmorphologie, ermittelt mittels Magnetresonanztomographie (MRT), auf tympanometrische Messgrößen zu untersuchen und Normalisierungsansätze zu bewerten, die anatomische Variabilität berücksichtigen.
Methoden: Untersucht wurden 196 Ohren von 100 normalhörenden Erwachsenen im Alter von 18–31 Jahren mittels Otoskopie, Tympanometrie (226 Hz), Audiometrie und 3D-MRT des Schläfenbeins. Aus den MRT-Daten wurden Breite, Höhe und Länge des Gehörgangseingangs bestimmt [3], um ein approximiertes Volumen des äußeren Gehörgangs (external auditory canal, EAC) zu berechnen (V = π · w/2 · h/2 · l). Zusätzlich wurde das funktionelle Gehörgangsvolumen tympanometrisch ermittelt (ear canal volume, ECV). Zur Berücksichtigung anatomischer Einflüsse wurde die statische Compliance sowohl nach dem tympanometrisch bestimmten Gehörgangsvolumen als auch nach dem MRT-basierten EAC-Volumen normalisiert. Gruppenunterschiede zwischen Tympanogrammen vom Typ A und As wurden mit Mann–Whitney-U-Tests geprüft. Anatomische und demografische Einflussgrößen auf die statische Compliance wurden mittels linear mixed-effects Model mit den Probanden als random effect untersucht. Zusammenhänge zwischen ECV und EAC-Volumen wurden mit der Pearson-Korrelation untersucht.
Ergebnisse: Von 196 untersuchten Ohren zeigten 169 (86%) Tympanogramme vom Typ A und 27 (14%) vom Typ As (Compliance < 0,3 ml). Typ As-Ohren wiesen eine signifikant geringere Compliance auf (0,25 ± 0,03 ml) als Typ A (0,57 ± 0,23 ml; U = 4561, p < 0,001, d = 1,47) sowie ein kleineres ECV (0,90 ± 0,20 ml vs. 1,29 ± 0,33 ml). Das ECV erwies sich als signifikanter Prädiktor der Compliance (β = 0,25, p < 0,001), während Geschlecht, Ohrseite und Körpergröße keinen Einfluss zeigten. Nach Normalisierung durch ECV oder EAC-Volumen verschwanden diese Zusammenhänge (alle p > 0,1). ECV und EAC-Volumen korrelierten moderat (r = 0,60, p < 0,001).
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unterschiede zwischen Tympanogrammen vom Typ A und As teilweise auf Variationen des Gehörgangsvolumens zurückzuführen sind und nicht zwingend eine erhöhte Mittelohrsteifigkeit widerspiegeln. Eine Normalisierung der statischen Compliance in Abhängigkeit vom Gehörgangsvolumen kann helfen, anatomisch bedingte Einflüsse zu reduzieren und die Interpretation tympanometrischer Befunde zu präzisieren.
References
[1] Feldman AS. Tympanometry: Application and interpretation. ASHA Monographs 23. Rockville, MD; 1976.[2] Margolis RH, Heller JW. Screening tympanometry: criteria for medical referral. Audiology. 1987;26(4):197-208. DOI: 10.3109/00206098709081549
[3] Hennig L, Krüger M, Bülow R, Ittermann T, Ihler F, Krohn-Jäger F, Krey KF, Daboul A. Morphology and anatomical variability of the external auditory canal: A population-based MRI study. Ann Anat. 2025 Jan;257:152319. DOI: 10.1016/j.aanat.2024.152319



