75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte
75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte
Chitosan-induzierte systemische Immunreaktion mit Panuveitis infolge peripartaler Hämorrhagien – eine Fallserie
Text
Ziel: Das Bewusstsein für eine seltene, vermutlich deutlich unterdiagnostizierte, Chitosan-induzierte systemische Immunreaktion mit Augenbeteiligung nach peripartalen Hämorrhagien zu schärfen.
Methode: Beschreibung der Gemeinsamkeiten in Verlauf, sowie ophthalmologischer und systemischer Symptome und Charakteristiken der immunogenen Reaktion.
Ergebnisse: Wir beschreiben drei Fälle einer unmittelbar postpartal bis zu einem Tag postoperativ aufgetretenen systemischen Immunreaktion nach intraoperativer Anwendung von Chitosan-Tamponaden (CeloxPPH® Gauze) bei ausgeprägten Hämorrhagien im Rahmen einer Sectio. Die systemische Präsentation zeigte sich durch Vertigo (3/3), tympanometrisch gesicherte Innenohrschwerhörigkeit (3/3), Cephalgien (3/3), Arthralgien der Knie- und Sprunggelenke (2/3), Perichondritis der Ohrmuschel (2/3) und des Nasenseptums (1/3), generalisierte Ödeme (1/3), Nausea (1/3), Schüttelfrost (1/3) sowie faziale Hypästhesien (1/3). Okulär präsentierten sich die Patientinnen mit einer interstitiellen Keratitis (3/3), anteriorer sowie sonographisch gesicherter posteriorer Skleritis (2/3), Panuveitis (3/3) mit deutlichem Vorderkammerzellreiz (2+ nach SUN-Klassifikation) sowie leichter Fibrinreaktion (1/3), dichtem, insbesondere präretinal lokalisiertem Glaskörperzellreiz (3/3), vereinzelt retinalen Fleckblutungen (2/3), Papillitis (1/3), retinaler Periphlebitis (1/3), Cotton-Wool-Herden (1/3) sowie fovealer, subretinaler Flüssigkeit (1/3). Der Visus lag initial zwischen 0,2–1,0 auf den betroffenen Augen. Die Behandlung erfolgte mit systemischen Steroidgaben in initialer Dosierung von 100–350 mg intravenös. Der überwiegende Teil der Symptome bildete sich innerhalb weniger Wochen zurück. Bei einer Patientin verblieb ein Bjerrum-Skotom mit zentraler Beteiligung. Eine weitere Patientin berichtete drei Monate nach Therapieende über eine persistierende leichte Hypakusis. Die dritte Patientin klagte auch Monate später, trotz bestehender Immunsuppression, über rezidivierende Cephalgien und Vertigo. Die Therapiedauer variierte zwischen 2, 5 und 6 Monaten. In einem Fall musste im weiteren Verlauf auf ein klassisches DMARD zur Langzeittherapie gewechselt werden.
Schlussfolgerung: Die hier beschriebenen Immunreaktionen nach intraoperativer Chitosan-Anwendung im Rahmen peripartaler Hämorrhagien wurden erstmals von Mala et al. 2024 bei drei Frauen als atypisches Cogan’s Syndrom beschrieben. Die drei allein an unserer Klinik innerhalb eines Jahres aufgetretenen Fälle weisen auf eine deutlich höhere Dunkelziffer hin. Die Symptomatik erscheint in der Gesamtschau typisch, wobei bei isolierten, beispielsweise retinalen Veränderungen differentialdiagnostisch auch andere Ursachen wie eine Eklampsie in Betracht gezogen werden müssen. Bei fehlender Evidenz und vermutlich großer Variabilität der Verläufe sollte die Therapieplanung stets interdisziplinär erfolgen und eine rheumatologische Anbindung angestrebt werden.



