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75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte


05.-06.06.2026
Hamburg

Meeting Abstract

Wie KI sieht – und manchmal auch nicht: Bildanalyse in der Augenheilkunde zwischen Hype und Realität

Carsten Grohmann - Hamburg
M.S. Spitzer - Hamburg

Text

Ziel: Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend als Schlüsseltechnologie für die automatisierte Analyse ophthalmologischer Bilddaten betrachtet. Verfahren des Deep Learnings zeigen in zahlreichen Studien eine hohe Leistungsfähigkeit bei der Detektion und Klassifikation insbesondere retinaler Erkrankungen auf Fundusfotografien und OCT-Aufnahmen. Gleichzeitig besteht im klinischen Alltag häufig eine Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Leistungsfähigkeit dieser Systeme und dem tatsächlichen Verständnis ihrer Funktionsweise und Grenzen. Ziel des Vortrags ist es, die grundlegenden Prinzipien der KI-basierten Bilderkennung verständlich zu erläutern und anhand ophthalmologischer Beispiele aufzuzeigen, wo diese Verfahren besonders leistungsfähig sind, aber auch wo ihre technischen, ethischen und rechtlichen Grenzen liegen.

Methode: Der Vortrag vermittelt die Funktionsweise moderner KI-basierter Bildanalyse anhand anschaulicher Beispiele aus der ophthalmologischen Bildgebung. Schrittweise wird erklärt, wie neuronale Netze trainiert werden, welche Rolle Trainingsdatensätze spielen und wie aus Pixelinformationen diagnostische Vorhersagen entstehen. Besonderes Augenmerk liegt auf Convolutional Neural Networks und verwandten Deep-Learning-Architekturen, die in der ophthalmologischen Diagnostik und Forschung weit verbreitet sind. Ergänzend werden typische Fehlerquellen und Limitationen demonstriert, beispielsweise Verzerrungen durch Trainingsdatensätze (Bias), mangelnde Generalisierbarkeit auf neue Populationen oder unerwartete Fehlklassifikationen bei veränderten Bildbedingungen. Darüber hinaus werden aktuelle regulatorische Rahmenbedingungen, ethische Fragestellungen und haftungsrechtliche Aspekte beim Einsatz KI-basierter Systeme in der augenärztlichen Routine diskutiert.

Ergebnis: Der Vortrag zeigt, dass moderne KI-Systeme beeindruckende Leistungen in der Analyse ophthalmologischer Bilddaten erreichen können und in vielen Anwendungsbereichen bereits eine diagnostische Genauigkeit auf Expertenniveau erzielen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Systeme nicht „sehen“ oder „verstehen“ im menschlichen Sinne, sondern statistische Muster in großen Datenmengen erkennen. Dadurch entstehen spezifische Stärken – etwa bei der Verarbeitung großer Bilddatensätze – aber auch charakteristische Schwächen. Beispiele aus der ophthalmologischen Bildgebung verdeutlichen, dass KI-Systeme empfindlich auf Veränderungen in Bildqualität, Geräteeigenschaften oder Patientenkollektiven reagieren können und in Einzelfällen überraschende Fehlentscheidungen treffen. Ebenso wird deutlich, dass Transparenz, Datenqualität und sorgfältige klinische Validierung entscheidend für eine sichere Anwendung sind.

Schlussfolgerung: KI-basierte Bildanalyse hat das Potenzial, Diagnostik und Forschung in der Augenheilkunde nachhaltig zu verändern und klinische Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Einsatz ist jedoch ein realistisches Verständnis der zugrunde liegenden Technologien sowie ihrer Grenzen. Neben technischen Aspekten spielen dabei auch ethische, regulatorische und rechtliche Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle. Der Vortrag soll dazu beitragen, KI in der ophthalmologischen Bildgebung weder als magische „Black Box“ noch als kurzfristigen Hype zu betrachten, sondern als leistungsfähiges Werkzeug, dessen Nutzen maßgeblich von Datenqualität, klinischer Einbettung und kritischer Evaluation abhängt.