71. Kongress der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie
71. Kongress der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie
Zystektomie bei neurogener Blasenfunktionsstörung: Daten aus einer 15-Jahres Einzelzentrumsanalyse
Text
Einleitung: Patienten mit neurogener Blasenfunktionsstörung (NBFS) bilden eine klinisch heterogene Subgruppe in der urologischen Versorgung. Trotz diverser konservativer und interventioneller Therapieoptionen erfordert ein relevanter Anteil letztlich eine Zystektomie (CE) zur Erhaltung der Nierenfunktion und Verbesserung der Lebensqualität. Ziel dieser Studie war die Charakterisierung einer representativen Kohorte von NBFS-Patienten und die Identifikation von Prädiktoren für eine mögliche frühzeitige CE.
Methoden: In einer retrospektiven Analyse wurden Patienten mit NBFS erfasst, die zwischen 01/2010 und 12/2024 in einem neuro-urologischen tertiären Referenzzentrum eine CE erhielten. Analysiert wurden die zugrunde liegenden Ätiologien, vorangegangene Therapien sowie der perioperative Verlauf bis 90 Tage postoperativ. Uni- und multivariable logistische Regressionsmodelle dienten der Identifikation von Prädiktoren für eine frühe CE (≤12 Monate nach Erstvorstellung). Prä- und postoperative Nierenfunktionsparameter wurden in der Gesamtkohorte sowie in Abhängigkeit vom Operationszeitpunkt verglichen.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 116, überwiegend weibliche (61,2%), Patientinnen (Medianalter 50 Jahre; IQR 36,5–63) eingeschlossen. Die häufigsten Grunderkrankungen waren Spina bifida (35,9%) und neurologische Traumata (18,1%). Präoperativ zeigten 18,1% szintigraphisch eine einseitige oder bilaterale Nierenfunktionsstörung. Die mediane Zeit bis zur CE betrug 12 Monate (IQR 6–36). In 88,8% wurde ein Ileum-Conduit angelegt. Bei 22,4% traten innerhalb von 90 Tagen schwere Komplikationen (Clavien-Dindo ≥3b) auf; bei einer 0% Morbidität. In der multivariablen Analyse zeigte sich ausschließlich für hohe intravesikale Botulinumtoxin-Dosen (≥300 I.E.) eine geringere Wahrscheinlichkeit für eine CE 12 Monate nach Erstvorstellung (OR 0,05; 95%-KI 0,01–0,67; p=0,023). Prä- und postoperative Nierenfunktionswerte unterschieden sich weder in der Gesamtkohorte noch zwischen früher und später CE signifikant.
Schlussfolgerung: Im Vergleich zu onkologischen CE-Kohorten waren NBFS-Patienten deutlich jünger und überwiegend weiblichen Geschlechts. Trotz dieser demografischen Unterschiede bleibt die CE ein operativer Eingriff mit erheblicher Morbidität, insbesondere in einer Kohorte mit relativ hoher Komorbidität. Eine optimierte konservative Therapie, insbesondere mit Botulinumtoxin, erlaubt jedoch eine sichere Operationsaufschiebung ohne relevanten Einfluss auf das renale Outcome.



