66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
Erhöhtes Komplikationsrisiko bei Notfalleingriffen in der Handchirurgie: Eine Retrospektive Analyse von 71.659 Fällen aus einem Nationalen Register
Text
Fragestellung: Notfalleingriffe in der Handchirurgie erfolgen häufig unter ungünstigeren perioperativen Bedingungen als elektive Operationen. Ziel dieser Studie war es, Unterschiede in Patientenkollektiv, perioperativen Charakteristika und 30-Tage-Komplikationen zwischen Notfall- und elektiven Eingriffen zu analysieren.
Methodik: Es wurde eine retrospektive Kohortenstudie durchgeführt basierend auf dem American College of Surgeons NSQIP-Register (2008–2023). Eingeschlossen wurden 71.659 erwachsene Patientinnen und Patienten mit handchirurgischen Eingriffen. Die Kohorte wurde in Notfall- und elektive Eingriffe unterteilt. Primärer Endpunkt war das Auftreten von 30-Tage-Komplikationen (gesamt, chirurgisch, medizinisch). Sekundäre Endpunkte umfassten Verweildauer und Entlassungsziel. Gruppenvergleiche erfolgten mittels t-Test und Chi-Quadrat-Test.
Ergebnisse: 10.403 (14,5%) Eingriffe wurden als Notfälle durchgeführt. Notfallpatienten waren geringfügig jünger (52,8 ± 17,9 vs. 53,2 ± 17,4 Jahre, p=0,02) und wiesen einen niedrigeren BMI auf (28,0 ± 6,4 vs. 28,6 ± 6,7 kg/m², p<0,001). Elektive Eingriffe waren häufiger mit kardiovaskulären Komorbiditäten assoziiert, insbesondere Hypertonie (30,6% vs. 22,1%, p<0,001) und Diabetes (8,4% vs. 6,2%, p<0,001), während Notfallpatienten häufiger aktive Raucher waren (20,4% vs. 18,8%, p=0,001). Notfalleingriffe waren mit einer signifikant verlängerten Verweildauer assoziiert (1,01 ± 2,84 vs. 0,21 ± 3,18 Tage, p<0,001), bei gleichzeitig kürzerer Operationsdauer (67,4 ± 38,7 vs. 72,7 ± 42,0 Minuten, p<0,001). Die Gesamtkomplikationsrate war im Notfallkollektiv erhöht (3,4% vs. 2,1%, p<0,001). Dies betraf sowohl chirurgische Komplikationen (2,2% vs. 1,5%, p<0,001) als auch medizinische Komplikationen (1,2% vs. 0,6%, p<0,001). Insbesondere Reoperationen (1,3% vs. 0,7%, p<0,001), Pneumonien (0,2% vs. 0,1%, p=0,002) und thromboembolische Ereignisse (0,1% vs. 0,0%, p<0,001) traten häufiger auf. Notfallpatienten wurden seltener direkt nach Hause entlassen (94,7% vs. 98,7%, p<0,001).
Schlussfolgerung: Notfalleingriffe in der Handchirurgie sind mit einem signifikant erhöhten Risiko für postoperative Komplikationen und einer verlängerten Verweildauer verbunden – trotz teilweise geringerer klassischer Komorbiditätslast. Diese Diskrepanz deutet auf die besondere klinische Vulnerabilität des Notfallkollektivs hin und unterstreicht die Notwendigkeit von optimierten perioperativen Versorgungsstrategien und Risikostratifizierungen.



