66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie
Hoch-kontaminierte Komplexverletzungen der oberen Extremitäten
Text
Fragestellung: Komplexe Verletzungen, welche neben knöchernen Verletzungen auch eine Rekonstruktion des Weichgewebsmantels erfordern, sind generell mit erhöhten Komplikationsraten assoziiert. Im Bereich der unteren Extremität sind Verletzungen, die in einer hochkontaminierten Umgebung wie landwirtschaftlichen Betrieben oder bei kriegerischen Auseinandersetzungen entstehen, mit einem schlechten Outcome vergesellschaftet. Bezüglich solcher Verletzungen an der oberen Extremität finden sich in der Literatur wenig Daten. Ziel dieser retrospektiven Untersuchung ist es, komplexe Verletzungen der oberen Extremität aus hoch-kontaminierten Umgebungen in Bezug auf Komplikationen zu analysieren.
Methodik: Patienten, welche eine kombinierte Weichteil- und Knochenverletzungen der oberen Extremität erlitten, wurden identifiziert und in 2 Gruppen eingeteilt. Als „hoch-kontaminiert“ definiert wurden Verletzungen, die in landwirtschaftlichen Betrieben, durch Tierbisse oder durch Verletzungen in kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden. Andere Umgebungen wurden als „niedrig kontaminiert“ definiert. Die demographischen Daten wurden in Bezug auf Anzahl der erforderlichen Eingriffe, Erregerspektrum, antibiotische Behandlung sowie chirurgisches Outcome wie Weichgewebsnekrose, Osteomyelitis und Amputation untersucht. Eine matched-pair Analyse wurde mit Fällen ohne ausgeprägte Kontamination durchgeführt.
Ergebnisse: Insgesamt konnten 9 Fälle in die Gruppe der hoch-kontaminierten Komplexverletzungen zugeordnet werden. Neben Kriegsverletzungen waren besonders landwirtschaftliche Unfälle Auslöser der Komplexverletzungen. In 4 Fällen war eine Revaskularisation der Extremität initial erforderlich. Im Durchschnitt waren 7 Operationen innerhalb des ersten stationären Aufenthaltes notwendig. Wundheilungsstörungen wurden in 3 Fällen verzeichnet, eine Amputation der Extremität war nicht erforderlich. Aufgrund des breiten Keimspektrums waren unterschiedliche antiinfektiöse Therapien erforderlich. In einem Fall kam es als Komplikation einer antimykotischen Therapie zu einem akuten Nierenversagen, welches reversibel war. Tiefe Infektion war in keinem Fall zu verzeichnen. Die matched-pair Analyse ergab bei Patienten mit hoch-kontaminierten Verletzung eine erhöhte Anzahl an Operationen und ein längere Behandlungsdauer.
Schlussfolgerung: Eine hohe bakterielle Kontamination bei Komplexverletzung der oberen Extremität ist mit mehr Operation und einem längeren Krankenhausaufenthalt assoziiert. Anders als bei der unteren Extremität zeigt sich jedoch bei hochkontaminierten Komplexverletzungen im Bereich der oberen Extremität keine erhöhte Komplikations- und Amputationsrate der betroffenen Extremität. Möglicherweise ist die Rekonstruktion im Bereich der oberen Extremität daher erfolgsversprechender als an der unteren Extremität. Dennoch sind aufgrund der großen Heterogenität dieser schweren Verletzungen und aufgrund der geringen Fallzahl weitere Untersuchungen erforderlich.



