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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Einhüllenden-Entrainment zur Bestimmung von Sprachverständlichkeit: Ein Vergleich von MEG, EEG und Ohr-EEG

Till Habersetzer - Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Department für Medizinische Physik und Akustik/Kommunikationsakustik, Oldenburg, Deutschland
Bernd T. Meyer - Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Department für Medizinische Physik und Akustik/Kommunikationsakustik, Oldenburg, Deutschland
Andreas Radeloff - Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Oldenburg, Deutschland

Text

Fragestellung: Ein objektives neurophysiologisches Maß für Sprachverständlichkeit könnte die behaviorale Sprachaudiometrie ergänzen. Ein vielversprechender Ansatz ist das neuronale Entrainment auf die Einhüllende des Sprachsignals. Ergebnisse von Vanthornhout et al. [1] deuteten auf einen Zusammenhang zur Vorhersage von Sprachverständlichkeit mittels EEG hin. Während sich bisherige Arbeiten auf stationäre Vielkanalsysteme (MEG/EEG) beschränkten, prüft diese Studie den Transfer auf eine tragbare Montage für den klinischen Einsatz. Im Fokus steht der Methodenvergleich: Die Eignung eines anwendungsnahen Ohr-EEGs zur Entrainment-Messung wurde evaluiert und direkt mit simultanem MEG und konventionellem EEG verglichen, speziell hinsichtlich der Vorhersage individueller Sprachverständlichkeitsschwellen.

Methoden: 21 normalhörende Versuchspersonen (27 ± 4 Jahre) wurden an zwei Terminen mittels simultanem MEG (306 Kanäle) und EEG (76 Kanäle, inkl. 16-Kanal Ohr-EEG) gemessen. Die Probanden hörten jeweils ein 16-minütiges Hörbuch (Training) sowie 540 Sätze des Oldenburger Matrixtests (OLSA) bei sechs verschiedenen Signal-Rausch-Verhältnissen (SNR). Die SNRs wurden individuell angepasst (Basis: behaviorale SRT50), um Verständlichkeiten von 0–100% abzudecken. Mittels linearer Dekodierer (auf Hörbuch trainiert) wurde die Einhüllende der OLSA-Sätze rekonstruiert. Die Rekonstruktionsgüte wurde SNR-abhängig für alle Modalitäten berechnet und gegen eine Nullbedingung (zeitlich versetzte, unsortierte Daten) getestet. Ein neurophysiologischer Schwellenwert (analog SRT50) wurde per psychometrischem Fit an die Verlaufskurven bestimmt.

Ergebnisse: Alle drei Modalitäten (MEG, EEG, Ohr-EEG) bildeten das Einhüllenden-Entrainment zuverlässig ab. Die Rekonstruktionsgüte stieg signifikant mit dem SNR und lag deutlich über der Nullbedingung. Im direkten Vergleich erwies sich das MEG als die robusteste Methode für den einzelnen Probanden mit den höchsten Korrelationswerten, gefolgt vom EEG. Das Ohr-EEG zeigte trotz geringerer Kanalzahl sehr ähnliche Verlaufsmuster wie die Vielkanalsysteme; die Ergebnisse der drei Modalitäten korrelierten stark untereinander. Jedoch fand sich konsistent kein signifikanter Zusammenhang zwischen behavioralem SRT50 und dem neurophysiologischen Schwellenwert. Selbst das MEG erlaubte keine direkte Prädiktion der individuellen Hörschwelle.

Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt: Ohr-EEG liefert qualitativ mit MEG/EEG vergleichbare Entrainment-Daten und bildet das SNR sensitiv ab. Das konsistente Fehlen eines Korrelats zur individuellen behavioralen Schwelle (SRT50) legt jedoch nahe, dass eher die physikalische Signalqualität als das kognitive Verstehen erfasst wird, weshalb die Einhüllende als alleiniger Prädiktor nicht genügt. Dies begrenzt den Einsatz als isoliertes Audiometrie-Tool, validiert das Ohr-EEG jedoch für weitere auditorische Messungen.


References

[1] Vanthornhout J, Decruy L, Wouters J, Simon JZ, Francart T. Speech Intelligibility Predicted from Neural Entrainment of the Speech Envelope. J Assoc Res Otolaryngol. 2018 Apr;19(2):181-191. DOI: 10.1007/s10162-018-0654-z