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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Verwendung des „Hearing Handicap Inventory“ zur Bestimmung des Hörvermögens und Hörgerätenutzens bei Personen mit annähernd normalen Hörschwellen

Stefanie Goicke - University of Southern Denmark (SDU), Technical Audiology Section, Odense, Dänemark
Larry E. Humes - Indiana University, Department of Speech, Language and Hearing Sciences, Bloomington, USA
Christian Brandt - University of Southern Denmark (SDU), Technical Audiology Section, Odense, Dänemark
Tobias Neher - University of Southern Denmark (SDU), Technical Audiology Section, Odense, Dänemark

Text

Fragestellung: Selbst wahrgenommene Hörprobleme werden häufig mithilfe des 25 Fragen umfassenden Fragebogens „Hearing Handicap Inventory“ (HHI) erfasst. Laut Humes [1] können sie in verschiedene „Auditory Wellness“ Kategorien („exzellent“, „gut“, „mittelmäßig“, „schlecht“ und „sehr schlecht“) eingeteilt werden. Die so entstehenden Untergruppen haben unterschiedliche Bedarfe und können von „klinischen“ Untergruppen, die durch audiometrische Messungen definiert und für die Hörgeräteversorgung zu Rate gezogen werden, abweichen.

Die vorliegende Studie untersuchte (1) inwieweit selbst wahrgenommene Hörprobleme von audiometrischen Messungen abgebildet werden und (2) ob Personen mit annähernd normalem Tonaudiogramm und selbst wahrgenommenen Hörproblemen von Hörgeräten profitieren.

Methoden: 100 Probanden (48m, 52f; Alter 63 ± 8 Jahre) beantworteten den HHI online. Unversorgte Probanden und Hörgeräteträger wurden eingeschlossen, Hörimplantatträger ausgeschlossen. Im Labor wurden audiometrische Standardmessungen durchgeführt: Luftleitungshörschwellen (0,25–16 kHz) über Kopfhörer, ausgewertet als „Pure-Tone Average“ (PTA4: 0,5, 1, 2, 4 kHz), Tympanometrie sowie die Sprachverständlichkeitsschwelle im Störgeräusch (SRT50) mittels „Hearing In Noise Test“ bei festem Sprachpegel (65 dB SPL) und variablem Störgeräuschpegel im Freifeld (S0N0). In Regressionsanalysen wurde der Effekt von PTA4 und SRT50 auf den HHI bestimmt.

Im zweiten Teil der vorliegenden Studie wurden Probanden mit mittelmäßiger bis sehr schlechter Auditory Wellness (HHI ≥ 12) und annähernd normalen Hörschwellen (PTA4 ≤ 30 dB HL) mit Hörgeräten versorgt. Verglichen wurden zwei Programme: (a) leichte Verstärkung mit Features zur Störgeräuschbefreiung und (b) 0 dB insertion gain ohne zusätzliche Features. Beide Programme wurden für jeweils vier Wochen im Alltag ausprobiert. Eine mögliche Verbesserung der selbst wahrgenommenen Hörprobleme wurde für beide Programme mittels des HHI untersucht.

Ergebnisse: Die Regressionsanalysen zeigten einen moderaten Effekt des PTA4 auf den HHI-Score (besseres Ohr: β = 0,71; schlechteres Ohr: β = 0,65). Für die SRT50 wurde ein schwacher Effekt gefunden (unversorgt: β = 1,06; versorgt: β = 2,05). Weitere Analysen für verschiedene Auditory Wellness Kategorien und Hörverlustgrade sind geplant.

Ein Vergleich des Effekts der beiden Hörgeräteprogramme auf selbst wahrgenommene Hörprobleme ist z.Z. nicht möglich, da die Datenerhebung noch nicht abgeschlossen ist. Erste Daten deuten klare interindividuelle Unterschiede an.

Schlussfolgerungen: Selbst wahrgenommene Hörprobleme werden von audiometrischen Messungen nur bedingt abgebildet. Die Kombination beider Messverfahren kann das Gesamtbild der Hörwahrnehmung erweitern. Hörgeräte können bei selbst wahrgenommenen Hörproblemen einzelnen Personen helfen – auch bei annähernd normalem Tonaudiogramm.


References

[1] Humes LE. An Approach to Self-Assessed Auditory Wellness in Older Adults. Ear Hear. 2021 July/Aug;42(4):745-761. DOI: 10.1097/AUD.0000000000001001