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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Digitale sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Taubheit/Hörbehinderung – Lebenszeitprävalenz, Risikofaktoren und präventives Wissen

Katharina Urbann - Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, Deutschland
Dennis Oberleiter - Ludwig-Maximilians-Universität München, München, Deutschland
Laura Avemarie - Ludwig-Maximilians-Universität München, München, Deutschland

Text

Fragestellungen: Für das vom BMBFSFJ geförderte Projekt „Digitaler Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Kinder mit Hörbehinderung“ (01SR2002) waren drei zentrale Forschungsfragen leitend:

  1. Wie hoch ist die Lebenszeitprävalenz digitaler sexualisierter Gewalt bei Kindern und Jugendlichen mit Taubheit/Hörbehinderung?
  2. Welche Faktoren erhöhen das Risiko, von digitaler sexualisierter Gewalt betroffen zu sein?
  3. Über welches präventive Wissen im Bereich digitaler sexualisierter Gewalt verfügen Kinder und Jugendliche mit Taubheit/Hörbehinderung und welche Rolle spielt dieses Wissen für ihren Umgang mit entsprechenden Situationen?

Methode: Die partizipative Dunkelfeldstudie basiert auf einem querschnittlichen, sequenziellen Mixed-Methods Design. Erstmals wurden quantitative Daten von N = 253 elf- bis 21-Jährigen mit Taubheit/Hörbehinderung (M = 15.06, SD = 1.96; 47% weiblich, 51% männlich, 2% divers) an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation in DE erhoben. Die Erhebung umfasste Erfahrungen mit digitaler sexualisierter Gewalt sowie potenzielle personengebundene und mediennutzungsbezogene Risikofaktoren. Ergänzend wurden mit n = 34 Teilnehmenden strukturierte Einzelinterviews zum vorhandenen präventiven Wissen und zum Umgang mit Erfahrungen digitaler sexualisierter Gewalt durchgeführt. Die quantitativen Daten wurden deskriptiv und mittels multipler Regressionsanalysen ausgewertet; die qualitativen Daten wurden anhand inhaltsanalytischer Kategorien mit MAXQDA analysiert.

Ergebnisse:

  1. Die Lebenszeitprävalenz digitaler sexualisierter Gewalt bei Kindern und Jugendlichen mit Taubheit/Hörbehinderung liegt bei 77%. Dabei geht digitale sexualisierte Gewalt häufiger von Gleichaltrigen aus als von Erwachsenen.
  2. Zu den identifizierten Risikofaktoren zählen persönliche Treffen mit Internetkontakten (β = .22**), das Versenden eigener Inhalte an unbekannte Kontakte (β = .21**), öffentlich einsehbare Profilinformationen (β = .21*), das weibliche Geschlecht (β = .17*) sowie der Konsum pornografischer Inhalte (β = .17*), F(7, 156) = 13.61***, korr. R² = .35.
  3. Die qualitativen Analysen verdeutlichen, dass das präventive Wissen der Befragten gering ausgeprägt ist. Dazu trägt unter anderem bei, dass digitale sexualisierte Gewalt in der Schule kaum thematisiert wird. Ebenso bleibt der Umgang mit Gefühlen wie Scham weitgehend unberührt, was dazu führt, dass betroffene Kinder und Jugendliche häufig zögern, im sozialen Umfeld Hilfe zu suchen.

Schlussfolgerung: Aus den Studienergebnissen ergibt sich ein deutlicher Bedarf an spezifischen Präventionsangeboten für Kinder und Jugendliche mit Taubheit/Hörbehinderung, die insbesondere eine Stärkung der Medienkompetenz sowie eine frühzeitige und kontinuierliche Vermittlung präventiven Wissens in allen pädagogischen Kontexten umfassen.