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Gesundheit gestalten

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS)
30.09.2026-02.10.2026
Göttingen

Meeting Abstract

Wie weiter mit Gesundheitsgerechtigkeit? Wissenschaft, Sprache, Macht

Verina Wild - Universität Augsburg, Institut für Ethik und Geschichte der Gesundheit in der Gesellschaft, Augsburg, Deutschland

Text

Inhalt: Der Vortrag widmet sich der Frage, wie gesundheitliche Chancengerechtigkeit in Zeiten zunehmender politischer Polarisierung und wachsenden Drucks auf wissenschaftliche Sprache und Forschung weitergedacht und gestärkt werden kann. Zunächst wird soziale Gerechtigkeit als Kernelement von Public Health und Public-Health-Ethik eingeführt. In aller Kürze wird die Entwicklung der wissenschaftlichen Diskussion zu Gesundheitsgerechtigkeit, feministischer, intersektionaler und dekolonialer Bioethik seit den 1990er-Jahren nachgezeichnet. Aktuell findet in den USA gerade in diesen Forschungsbereichen eine zunehmende Zensur von wissenschaftlicher Sprache und Inhalten statt. Auch in Deutschland und anderen Ländern sind ähnliche Tendenzen zu erkennen, von politisch motivierten Eingriffen über gesellschaftliche Wissenschaftsskepsis bis hin zu institutioneller und antizipatorischer Selbstzensur.

Anhand aktueller Beispiele wird gezeigt, wie die Vermeidung bestimmter Begriffe – etwa zu Marginalisierung, Geschlecht oder Behinderung – gesundheitliche Ungleichheiten unsichtbar machen kann, Forschungsprioritäten verzerrt werden, und internationale Kooperationen sowie evidenzbasierte Politik erschwert werden. Der Vortrag regt zur Diskussion darüber an, welchen Umgang wir damit in unserer wissenschaftlichen Praxis finden können: Wie können wir diskutieren und kritisieren, ohne das politische und gesellschaftliche Fundament weiter zu destabiliseren? Welche Grundüberzeugungen treiben Wissenschaftler:innen in diesem Feld eigentlich an?

Der Vortrag argumentiert dafür, im Sinne des Grundwertes des gleichen moralischen Status aller Menschen, die Sprache und die Sprechfähigkeit über Gesundheitsgerechtigkeit zu erhalten. Es werden individuelle und kollektive Handlungsoptionen andiskutiert, um Gesundheitsgerechtigkeit als Gegenstand und Ziel wissenschaftlicher Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen sichtbar und sprechbar zu halten. Es wird dabei als notwendig erachtet, in der gesundheitsbezogenen Forschung auch – oder sogar verstärkt – die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu untersuchen und zu bewerten. Der Beitrag versteht sich als Einführung in unser Plenum „Demokratie(gefährdungen) und gesundheitliche Chancengerechtigkeit“ und als Impuls für eine gemeinsame Standortbestimmung angesichts eines Wendepunkts, an dem antipluralistische Tendenzen den Fortschritt der Forschung zu gesundheitlicher Chancengerechtigkeit erschweren können.

Interessenkonflikte: Keine