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German Congress of Orthopaedics and Traumatology 2026 (DKOU 2026)

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU)
20.-23.10.2026
Berlin

Meeting Abstract

Warum der Daumen „dreigliedrig“ wirkt: Epiphysenfugen-Muster und Gelenkmorphologie im kindlichen Handröntgen – radiologischer Pitfall und Homologie-Diskussion

Julian Ramin Andresen - Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinische Abteilung für Orthopädie, Wien, Österreich
Reinhard Windhager - Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinische Abteilung für Orthopädie, Wien, Österreich
Stephan Puchner - Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinische Abteilung für Orthopädie, Wien, Österreich
Sebastian Apprich - Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Klinische Abteilung für Orthopädie, Wien, Österreich

Text

Zielsetzung und Fragestellung: Der Daumen gilt klinisch-anatomisch als „zweigliedrig“ (zwei Phalangen). In der kindlichen Hand fällt jedoch auf, dass die Epiphysenfuge des 1. Mittelhandknochens (MC I) typischerweise proximal liegt, während sie bei MC II–V überwiegend distal liegt. Dieses „invertierte“ Ossifikationsmuster ist ein häufiger Lehr- und Befund-Pitfall und wurde auch als Ausgangspunkt morphometrischer Arbeiten zur Segment-Homologie des 1. Strahls genutzt. Ziel ist die bildbasierte Darstellung der physischen Besonderheit des Daumenstrahls und Einordnung als radiologischer Pitfall.

Material und Methoden: Präsentation einer anonymisierten a.-p.-Handaufnahme eines Kindes mit offenen Epiphysenfugen (Abbildung 1 [Abb. 1]). Schematische Markierung der Epiphysenfugen an MC I, MC II–V sowie an den Phalangen. Qualitative Gegenüberstellung der Fugenlage (proximal vs. distal) entlang der Strahlen. Ergänzend erfolgte eine kurze funktionell-anatomische Einordnung der Gelenke (IP, MCP I, MCP II–V, CMC I) anhand möglicher Bewegungsrichtungen und Range of Motion (ROM).

Abbildung 1

Ergebnisse: Es zeigt sich eine klar proximale Epiphysenfuge an der Basis des MC I, während die Epiphysenfugen der übrigen Mittelhandknochen distal am Köpfchen lokalisiert sind. Die Phalangen weisen proximal gelegene Epiphysenfugen auf. Dadurch entsteht im Daumenstrahl eine proximal–proximal gelegene Fugenabfolge, die dem Muster der dreigliedrigen Finger ähnelt, sobald das MC I in die Betrachtung einbezogen wird. Die Interphalangealgelenke sind Scharniergelenke, welche durch Kollateralbänder geführt werden, hierzu passt auch das Daumengrundgelenk, wobei dort eine leichte Ab-/Adduktion möglich ist. Die übrigen Grundgelenke sind anatomisch Kugelgelenke/funktionell Eigelenke mit drei Bewegungsachsen. Trotz unterschiedlicher Modulierung der Gelenkflächen besitzt auch das Daumensattelgelenk drei Bewegungsachsen.

Diskussion und Schlussfolgerung: Die proximale Epiphysenfuge des MC I erzeugt im kindlichen Röntgenbild eine scheinbar dreigliedrige Segmentlogik des Daumens und liefert damit ein anschauliches radiologisches Korrelat zu der von Pazzaglia, et al. diskutierten missing-segment-Hypothese (fehlendes Segment = Metakarpale; MC I ggf. homologiebezogen phalangenartig interpretierbar). Hinzu kommt, dass die Interphalangealgelenke vergleichbare Anatomie und ROM zum Daumengrundgelenk aufweisen, sodass letzteres einem Interphalangealgelenk des Daumens entsprechen könnte. Die Grundgelenke vom 2. bis 5. Strahl ähneln sich in der ROM mit dem Daumensattelgelenk, so das letzteres einem Grundgelenk des Daumens entsprechen könnte. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, sollte dieses in der Ausbildung explizit als Sonderfall vermittelt werden. Eine klinisch-anatomische Umbenennung wäre zu diskutieren.


References

[1] Pazzaglia UE, Sibilia V, Casati L, Salvi AG, Minini A, Reguzzoni M. The missing segment of the autopod 1st ray: new insights from a morphometric study of the human hand. J Anat. 2018 Dec;233(6):828-842. DOI: 10.1111/joa.12883