German Congress of Orthopaedics and Traumatology 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Versorgung orthopädisch-unfallchirurgischer Patient:innen in deutschen Notaufnahmen: Retrospektive AKTIN-Registeranalyse
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Orthopädisch-unfallchirurgische (O&U) Beschwerden stellen einen wesentlichen Anteil der Notaufnahmevorstellungen dar und werden in der öffentlichen Diskussion häufig mit einer Zunahme niedrig dringlicher Fälle und potenziellen Fehlsteuerungen in Verbindung gebracht. Vor diesem Hintergrund zielt die Auswertung darauf ab, die Versorgung O&U Patient:innen in deutschen Notaufnahmen über mehrere Jahre auf einer bundesweiten Registerbasis systematisch zu charakterisieren. Die zentrale Fragestellung lautet, welche Versorgungsmuster und zeitlichen Trends sich abbilden lassen.
Material und Methoden: Retrospektive, multizentrische, deskriptive Auswertung auf Basis des AKTIN-Notaufnahmeregisters (Datenanfrage ID2025_013). Eingeschlossen wurden Notaufnahmevorstellungen nach vordefinierten Einschlusskriterien. Deskriptiv analysiert wurden Alter, Geschlecht, Zuweisung, Transport, CEDIS-Kategorien, Triage nach MTS, ICD-10-Notaufnahmediagnosen sowie Prozesszeiten.
Ergebnisse: In die Auswertung gingen 1.860.666 Notaufnahmevorstellungen aus 47 Kliniken ein. Die Fallzahlen stiegen im Beobachtungszeitraum an, parallel zur Zunahme der teilnehmenden Notaufnahmen von 19 (2020) auf 45 (2024): 2020 (N=180.395) bis 2024 (N=455.112); 2025 umfasst einen Teiljahreszeitraum (N=239.494). In linearen Mixed-Effects-Modellen (zufälliger Interzept pro Klinik) zeigte sich 2020–2024 ein signifikanter Anstieg der Gesamtfallzahlen (β = 3.375 Fälle/Klinik/Jahr, p < 0,001) sowie der unfallchirurgischen Fälle (β = 1.209 Fälle/Klinik/Jahr, p < 0,001); 2025 wurde wegen unvollständiger Datenerhebung ausgeschlossen. Die häufigste Altersgruppe war 17–40 Jahre (27,8%); 0–16 und 41–60 Jahre je 19,5%, 61–80 Jahre 18,9%, >81 Jahre 14,3%. Das Geschlecht war leicht männlich dominiert (53,4%). Ärztliche Zuweisungen nahmen ab (47,9% → 36,1%), nicht-ärztliche zu (49,7% → 62,2%). Bodengebundener Transport wurde seltener dokumentiert (42,5% → 31,8%), entsprechend stieg der Anteil ohne Transportangabe (57,1% → 67,8%). Die Triage zeigte überwiegend niedrige bis mittlere Dringlichkeit mit Verschiebung zu niedrigeren Stufen (MTS 4: 49,8% → 52,8%; ESI 4: 42,0% → 57,0% bei rückläufigem Anteil ESI-2: 20,7% → 12,1%). Häufige ICD-10-Diagnosen waren u. a. S00.9, S93.4, S06.0 und S61.0 (führende Diagnose: 3,7%, 3,3%, 2,8%, 2,5%; alle Diagnosen: 3,1%, 2,6%, 3,1%, 2,0%). Die Prozesszeiten waren kurz (time to triage Median 3,0 min; time to doctor Median 24 min; length of stay Median 156,2 min).
Diskussion und Schlussfolgerung: Die AKTIN-Daten zeigen einen Anstieg O&U Notaufnahmevorstellungen bei stabiler Alters- und Geschlechtsstruktur. Zugleich verschieben sich Zuweisung und Transport zu mehr nicht-ärztlichen Kontakten und weniger dokumentiertem bodengebundenem Transport. Die Triage ist überwiegend niedrig bis mittel dringlich und tendiert weiter zu niedrigeren Dringlichkeitsstufen. Insgesamt deutet dies auf eine zunehmende Belastung der Notaufnahmen durch überwiegend nicht hochakute Fälle hin und unterstreicht den Bedarf an strukturierten Steuerungs- und Versorgungswegen.



