German Congress of Orthopaedics and Traumatology 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Antibiotikaprophylaxe in der Unfallchirurgie und Orthopädie – aktuelle Praxis in 36 deutschen Krankenhäusern im Vergleich zur nationalen S3-Leitlinie
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Die perioperative Antibiotikaprophylaxe (PAP) ist eine zentrale Maßnahme zur Prävention postoperativer Infektionen in der Unfallchirurgie und Orthopädie. Einheitliche nationale Empfehlungen zur Auswahl, Dosierung und Dauer der PAP lagen in Deutschland bis zur Veröffentlichung der S3-Leitlinie „Perioperative und periinterventionelle Antibiotikaprophylaxe“ (AWMF 067-009) im Jahr 2024 nicht vor. Ziel dieser Arbeit war die Erfassung der aktuellen klinischen Praxis als Bestandsaufnahme vor Implementierung der Leitlinie sowie der Vergleich mit den neuen Empfehlungen.
Material und Methoden: Im Rahmen einer bundesweiten Umfrage wurden 36 unfallchirurgische und orthopädische Kliniken zu ihren Strategien der perioperativen Antibiotikaprophylaxe befragt. Erfasst wurden Indikationen, eingesetzte systemische Antibiotika, Dauer der Prophylaxe, empirische Regime sowie der Einsatz lokaler Antibiotika (z.B. Vancomycin-Pulver). Die erhobenen Daten wurden mit den Empfehlungen der im Jahr 2024 publizierten S3-Leitlinie verglichen.
Ergebnisse: Bei geschlossenen Frakturen verwendeten 94,4% der Kliniken Cephalosporine der ersten oder zweiten Generation; in ebenso vielen Fällen erfolgte eine Single-shot-Gabe. Bei Gustilo-Anderson (GA)-Typ-I-Frakturen dominierten Cefuroxim und Ampicillin/Sulbactam (je 36,1%), wobei 63,9% eine Einmalgabe berichteten. In GA-Typ-III-Frakturen wurde am häufigsten Piperacillin/Tazobactam eingesetzt (33,3%); eine 72-h-Prophylaxe wurde bei GA-Typ II und III jeweils von 38,9% durchgeführt. Bei offenen Fingerendgliedfrakturen gaben 34 von 36 Kliniken eine systemische Antibiotikaprophylaxe an, trotz leitlinienseitiger Empfehlung zum Verzicht bei adäquatem Débridement ohne Osteosynthese. In der Endoprothetik dominierten Cefuroxim (50,0%) und Cefazolin (41,7%) mit 94,4% Single-shot-Regimen. Bei dorsalen Wirbelsäulenstabilisierungen verwendeten 38,9% zusätzlich lokal appliziertes Vancomycin-Pulver.
Diskussion und Schlussfolgerung: Bei Routineindikationen zeigt sich eine weitgehende Übereinstimmung mit leitliniengerechten Strategien. Deutliche Abweichungen bestehen jedoch bei offenen Frakturen und bei distalen Fingerendgliedfrakturen. Insbesondere bei GA-Typ-III-Frakturen wird häufig eine verlängerte Prophylaxe über 72 h hinaus durchgeführt, obwohl hierfür keine ausreichende Evidenz vorliegt. Auch bei Fingerendgliedfrakturen erfolgt häufig eine nicht empfohlene Antibiotikagabe. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz einer konsequenten Implementierung der neuen S3-Leitlinie, um Übertherapie zu vermeiden und eine rationale, evidenzbasierte Antibiotikaanwendung in der Unfallchirurgie und Orthopädie zu fördern.



