German Congress of Orthopaedics and Traumatology 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Antibiotikaprophylaxe bei offenen Frakturen – aktuelle Evidenz und Analyse des Antibiotika-Einsparpotentials bei leitliniengerechter Anwendung
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Zielsetzung und Fragestellung: Der übermäßige und nicht indizierte Einsatz von Antibiotika trägt wesentlich zur Entwicklung von Antibiotikaresistenzen bei. Insbesondere bei offenen Frakturen besteht weiterhin eine große Variabilität in der klinischen Praxis der antibiotischen Prophylaxe. Ziel dieser Arbeit war es, die aktuelle Evidenz zur Antibiotikaprophylaxe bei offenen Frakturen langer Röhrenknochen sowie bei offenen Fingerendgliedfrakturen im Hinblick auf die Prävention frakturassoziierter Infektionen (FRI) systematisch darzustellen und das Einsparpotenzial bei leitliniengerechter Anwendung abzuschätzen.
Material und Methoden: Es erfolgte eine systematische Literaturrecherche zum Einsatz antibiotischer Prophylaxe bei offenen Frakturen langer Röhrenknochen und offenen Fingerendgliedfrakturen. Eingeschlossen wurden randomisiert-kontrollierte Studien sowie systematische Übersichtsarbeiten. Die Datenextraktion erfolgte stratifiziert nach Gustilo-Anderson-Klassifikation, anatomischer Lokalisation sowie Dauer und Art der antibiotischen Anwendung. Primärer Endpunkt war das Auftreten einer FRI. Zur Abschätzung des Einsparpotenzials wurde der leitliniengerechte Antibiotikaverbrauch anhand aktueller Empfehlungen mit der derzeitigen klinischen Praxis in Deutschland verglichen.
Ergebnisse: Die verfügbare Evidenz ist aufgrund des Mangels an hochwertigen randomisiert-kontrollierten Studien insgesamt als begrenzt einzustufen. Auf Basis der vorhandenen Daten zeigt sich, dass die Dauer der präemptiven Antibiotikagabe bei offenen Frakturen langer Röhrenknochen vom Gustilo-Anderson-Typ I und II 24 Stunden nicht überschreiten sollte, während bei offenen Frakturen vom Gustilo-Anderson-Typ III eine maximale Dauer von 72 Stunden empfohlen wird. Für offene Frakturen der distalen Fingerphalanx liegt keine Evidenz für den Nutzen einer antibiotischen Prophylaxe bei adäquatem Débridement vor. Der Vergleich zwischen leitliniengerechter Anwendung und aktueller klinischer Praxis bei offenen Tibiafrakturen und offenen distalen Fingerfrakturen zeigt ein erhebliches Einsparpotenzial: Bei konsequenter Umsetzung der nationalen Empfehlungen könnte der Antibiotikaverbrauch in Deutschland um etwa 315 kg pro Jahr reduziert werden.
Diskussion und Schlussfolgerung: Die vorliegende Evidenz unterstützt eine zeitlich begrenzte antibiotische Prophylaxe von 24 Stunden bei Gustilo-Anderson-Typ-I- und -II-Frakturen sowie bis zu 72 Stunden bei Typ-III-Frakturen langer Röhrenknochen. Für offene Fingerendgliedfrakturen ist eine routinemäßige antibiotische Prophylaxe nicht indiziert. In der klinischen Praxis besteht ein erhebliches Potenzial zur Reduktion des Antibiotikaverbrauchs durch die konsequente Leitlinienumsetzung. Aufgrund der insgesamt niedrigen Evidenzqualität sind weitere randomisiert-kontrollierte Studien erforderlich.



