42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Innovationen in der Behandlung von Sprachentwicklungsstörungen – dringender Handlungsbedarf
Abstract
Hintergrund: Die Versorgung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen ist durch Fachkräftemangel, regional ungleiche Praxisdichten und häufige Therapieausfälle zunehmend erschwert. Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen nicht selten ein Jahr oder länger. Lösungen bieten alternative Therapiesettings wie Teletherapie im Einzel- oder Gruppenformat und Kleingruppen-Präsenztherapie. Diese Versorgungsformen werden bislang jedoch nur begrenzt in der Regelversorgung umgesetzt, obwohl sie vielversprechende Vorteile aufweisen. Teletherapie ermöglicht eine ortsunabhängige Versorgung und bindet Eltern in den Therapieprozess ein. Kleingruppensettings sind effektiv und ressourcenschonend und können soziale Lernprozesse unterstützen. Basierend auf den Ergebnissen der Studien THESES und THEON, die eine hohe Wirksamkeit teletherapeutischer und kleingruppenbasierter Interventionsformate belegen, werden Konzepte zur Implementierung innovativer Therapieformen vorgestellt.
Material und Methode: In randomisiert-kontrollierten Studien wurden an insgesamt 369 Kindern mit mittelschwerer bis schwerer SES (3;0-6;11 J.) Wirksamkeit und Machbarkeit folgender alternativer Therapiesettings in Deutschland evaluiert: Tele-Einzel-, Kleingruppen-Präsenz- (THESES) und Online-Kleingruppentherapien (THEON) wurden im Vergleich zur Standard-Präsenz-Einzeltherapie überprüft. Insgesamt erhielten je 51 Kinder eine Kleingruppen-Präsenz- bzw. eine Tele-Einzeltherapie und 96 Kinder eine Tele-Kleingruppentherapie sowie 155 Kinder eine Einzel-Präsenztherapie.
Ergebnisse: Trotz hoher Wirksamkeit stehen Eltern den beschriebenen Therapiesettings teilweise skeptisch gegenüber. Sie befürchten, dass individuelle Bedarfe nicht hinreichend berücksichtigt werden. Bei der Teletherapie werden hinsichtlich Konzentrationsfähigkeit und Bildschirmzeit Bedenken geäußert. Jedoch bleiben viele Kinder in der Teletherapie aufmerksam und profitieren von der vertrauten heimischen Umgebung. Sprachtherapeut:innen bieten in der Regel noch selten alternative Therapiesettings an. Ungünstige Vergütungssätze erschweren die Umsetzung von Kleingruppentherapien.
Schlussfolgerung: Individualisierte telemedizinische SES-Therapien als Einzel- oder Kleingruppentherapien oder Gruppentherapien in Präsenz können dem Fachkräftemangel entgegenwirken sowie Wartezeiten und ungenutzte Therapiezeit reduzieren. Dies erfordert entsprechende Verordnungen, die Qualifizierung der Therapeut:innen, eine angemessene Vergütung und eine Anpassung der Heilmittelrichtlinie.
Text
Hintergrund
Die Versorgung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) in Deutschland ist zunehmend durch einen Fachkräftemangel, aber auch durch regional ungleiche Praxisdichten und häufige Therapieausfälle erschwert. So finden einmal wöchentlich vorgesehene ambulante SES-Einzelbehandlungen (Standardtherapie) durchschnittlich nur alle 10–14 Tage statt [1]. Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen nicht selten ein Jahr oder länger. Lösungen bieten alternative Therapiesettings wie Teletherapie im Einzel- oder Gruppenformat und Präsenztherapien in Kleingruppen von zwei bis drei Kindern [1], [2], [3]. Diese Versorgungsformen werden bislang jedoch nur begrenzt in der Regelversorgung umgesetzt. So kommen Gruppentherapien, obwohl im gültigen Heilmittelkatalog ebenso wie Einzeltherapien empfohlen, laut aktuellem Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bei Stimm-, Schluck-, Sprech- und Sprachtherapien nur in 0,5% der Fälle zum Einsatz [4]. SES-Teletherapien ermöglichen eine ortsunabhängige Versorgung. Sie binden Eltern in die Behandlung ein, wie von der gültigen S3-Leitlinie zur Therapie von SES empfohlen [5]. Kleingruppensettings sind effektiv, ressourcenschonend und unterstützen soziale Lernprozesse. Basierend auf den Ergebnissen der Studien THESES* („Wirksamkeit der Behandlung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen in Deutschland“) [1], [3] und THEON** („Wirksamkeit einer Online-Intervall-Kleingruppentherapie für Kinder mit umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen“) [1], [2], [6] werden hier Konzepte zur Implementierung innovativer Therapieformen vorgestellt.
Material und Methode
In zwei randomisiert-kontrollierten Studienarmen der Studie THESES und in der randomisiert-kontrollierten Studie THEON wurden an insgesamt 369 Kindern mit mittelschwerer bis schwerer SES (3;0–6;11 J.) ohne sprachrelevante Komorbiditäten Wirksamkeit und Machbarkeit von Tele-Einzeltherapien und Kleingruppen-Präsenztherapien (THESES) sowie Online-Kleingruppentherapien (THEON) im Vergleich zur Standard-Präsenz-Einzeltherapie überprüft. Je 51 Kinder erhielten dabei eine Kleingruppen-Präsenz- bzw. eine Tele-Einzeltherapie und 112 Kinder eine Tele-Kleingruppentherapie (vor Imputation fehlender Daten vollständige Datensätze von 96 Kindern) sowie 155 Kinder eine Einzel-Präsenztherapie.
Ergebnisse
In den Sprachtest-Gesamtergebnissen waren sowohl die Tele-Einzeltherapie als auch die Tele-Kleingruppentherapie der Standard-Präsenz-Einzeltherapie signifikant überlegen [2], [6]. Wichtigster Erfolgsfaktor schien dabei der Elterneinbezug zu sein. Die Kleingruppen-Präsenztherapie verpasste gegenüber der Standardtherapie knapp die Signifikanz zur Überlegenheit [2]. Eine Gruppentherapie wäre schon deshalb zu präferieren, weil sie häufige Therapieausfälle abfängt (bei konservativer Kalkulation von 5% Therapieausfällen und durchschnittlich 30 Behandlungseinheiten entspräche dies deutschlandweit 64.400 unversorgten Kindern pro Jahr [1]).
Diskussion
Trotz hoher Wirksamkeit stehen Eltern und Therapeut:innen den beschriebenen Therapiesettings teilweise skeptisch gegenüber. Sie befürchten, dass individuelle Bedarfe nicht hinreichend berücksichtigt werden. Für die Teletherapie werden hinsichtlich Konzentrationsfähigkeit und Bildschirmzeit Bedenken geäußert. Jedoch bleiben viele Kinder in der Teletherapie aufmerksam und profitieren von der vertrauten heimischen Umgebung [2]. Sprachtherapeut:innen bieten in der Regel noch selten alternative Therapiesettings an [4]. Ungünstige Vergütungssätze erschweren die Umsetzung von Kleingruppentherapien [1].
Schlussfolgerung
Telemedizinische SES-Therapien als Einzel- oder Kleingruppenbehandlungen oder Gruppentherapien in Präsenz können dem Fachkräftemangel entgegenwirken sowie Wartezeiten und ungenutzte Therapieausfallzeiten reduzieren. Der bei Teletherapien notwendige Elterneinbezug in die SES-Therapie würde zudem evidenzbasiertes Leitlinienwissen umsetzen [5]. All dies erfordert entsprechende Verordnungen, die Qualifizierung der Therapeut:innen, eine angemessene Vergütung und eine Anpassung der Heilmittelrichtlinie [1]. Eine weitere Innovation lässt die heimische Nutzung auf die Sprachentwicklungsdefizite zugeschnittener KI-generierter Hörbücher erwarten [7].
Förderung
*Metzler-Stiftung und Leopold-Klinge-Stiftung; **G-BA-Innovationsfonds, Förderkennzeichen 01VSF21025
References
[1] Neumann K, Mathmann P, Gietmann C. Qualitätsverbesserung von Interventionen bei Sprachentwicklungsverzögerungen und -störungen durch Leitlinien. In: Schröder H, Kopkow C, Waltersbacher A,·Bachayov N, Schreyögg J, Hrsg. Heilmittel-Report 2026. Berlin: Springer; 2026. S. 149-67. DOI: 10.1007/978-3-662-73466-7_12[2] Heiland A, Siemons-Lühring D, Speckemeier C, Klaar L, Treger P, Sonntag K, Scharpenberg M, Tücke J, Neusser S, Brannath W, Mathmann P, Voss T, Neumann A, Rieger T, Heiming-Al Yosef J, Hesping A, Kanaan O, Weber M, Alfakiani S, Parfitt R, Hörner L, Shahpasand S, Gietmann C, Neumann K. Effectiveness of an online interval group therapy for children with developmental language disorders: protocol for a randomised controlled intervention study. BMJ Open. 2026 Apr 24;16(4):e099997. DOI: 10.1136/bmjopen-2025-099997
[3] Siemons-Lühring D, Neumann K. Ergebnisbericht der Studie Wirksamkeit der Therapie von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) in Deutschland (THESES). Münster: Universität Münster; 2024.
[4] Bachayov N, Waltersbacher A. Heilmittelbericht 2025. Verfügbar unter: https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/Buchreihen/Heilmittelbericht/wido_hei_heilmittelbericht_2025_12_2025.pdf
[5] Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, Neumann K, Kauschke C, Lüke C, Fox-Boyer A, Sallat S, Bolotina A, Euler HA, Kiese-Himmel C, Leitliniengruppe. Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S3-Leitlinie, Version 1.1, AWMF-Registernr. 049-015. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-015
[6] Klaar L, Siemons-Lühring D, Gietmann C, Scharpenberg M, Brannath W, Kloep S, Neumann A, Speckemeier C, Schlesiger P, Neumann K. Wirksamkeit von Online-Kleingruppen-Intervalltherapie für Kinder mit SES - Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studie THEON. 42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Starnberg, 16.-19.09.2026. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2026.
[7] Goes N, Siemons-Lühring D, Meyer L, Kist AM, Neumann K. Phonologische Anreicherung und Verstärkung von Hörbüchern als KI-gestützte Heimtherapie bei Aussprachestörungen. 40. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Berlin, 12.-15.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DOCV9, DOI: 10.3205/24dgpp10



