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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Wirksamkeit von Online-Kleingruppen-Intervalltherapie für Kinder mit SES – Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studie THEON

L. Klaar - Universitätsklinikum Münster, Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
D. Siemons-Lühring - Universitätsklinikum Münster, Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
C. Gietmann - Universitätsklinikum Münster, Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland
M. Scharpenberg - Universität Bremen, Biometrie, Kompetenzzentrum f. Klinische Studien Bremen, Bremen, Deutschland
W. Brannath - Universität Bremen, Biometrie, Kompetenzzentrum f. Klinische Studien Bremen, Bremen, Deutschland
L. Fischer - Universität Bremen, Biometrie, Kompetenzzentrum f. Klinische Studien Bremen, Bremen, Deutschland
S. Kloep - Universität Bremen, Biometrie, Kompetenzzentrum f. Klinische Studien Bremen, Bremen, Deutschland
A. Neumann - Essener Forschungsinstitut für Medizinmanagement GmbH (EsFoMed), Essen, Deutschland
C. Speckemeier - Essener Forschungsinstitut für Medizinmanagement GmbH (EsFoMed), Essen, Deutschland
F. Reckmann - Essener Forschungsinstitut für Medizinmanagement GmbH (EsFoMed), Essen, Deutschland
P. Schlesiger - Essener Forschungsinstitut für Medizinmanagement GmbH (EsFoMed), Essen, Deutschland
K. Neumann - Universitätsklinikum Münster, Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Deutschland

Abstract

Hintergrund: Etwa 60% aller logopädischen Behandlungen betreffen umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache (F80). Gleichzeitig führen Fachkräftemangel und ein steigender Versorgungsbedarf zu Engpässen in der sprachtherapeutischen Versorgung. Für Gruppentherapien im Präsenzsetting sowie für Online-Einzeltherapien liegen bereits positive Wirksamkeitsnachweise vor. Evidenz zur Wirksamkeit von Online-Sprachtherapie in Kleingruppen im Intervallformat fehlte bislang jedoch.

Ziel der vorliegenden Studie war es, zu untersuchen, ob eine Online-Sprachtherapie in Kleingruppen (2–4 Kinder) im Intervallformat zu nachhaltigen Verbesserungen sprachlicher Fähigkeiten bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) führt und ob diese Effekte mindestens ebenbürtig oder überlegen gegenüber der logopädischen Standardversorgung sind.

Material und Methode: In einer randomisiert-kontrollierten Studie (RCT) wurden 216 Kinder im Alter von 3;0 bis 6;11 Jahren mit mindestens mittelschwerer SES zufällig der Interventionsgruppe (IG) oder einer Kontrollgruppe (KG) zugewiesen. Die IG erhielt 30 Therapieeinheiten in einem Online-Kleingruppen-Intervallformat (4 Wochen × 3 Sitzungen/Woche, 3 Monate Pause, 3 Wochen × 3 Sitzungen/Woche, 3 Monate Pause, 3 Wochen × 3 Sitzungen/Woche). Die Kontrollgruppe erhielt ebenfalls 30 logopädische Einheiten im Rahmen der regulären Versorgung als Standard-Einzel-Präsenztherapie. Zur Evaluation wurden die Domänen Sprachverstehen, Semantik/Lexikon, Morphosyntax, Aussprache, sowie ein Composite-Score zu je drei Messzeitpunkten herangezogen (Baseline, 12 Monate und Follow-up 18 Monate nach Therapiebeginn).

Ergebnisse: Die primäre Analyse zeigte signifikante Effekte zugunsten der IG in den Bereichen Sprachverständnis, Semantik/Lexikon und Morphosyntax. Für die Aussprache ergab sich eine signifikant höhere Wirksamkeit in der IG im Follow-up nach 18 Monaten. Der Composite-Score zeigt ebenfalls die Überlegenheit der IG im Vergleich zur KG nach 12 Monaten (β = 3.87, p < .001) sowie im Follow-up nach 18 Monaten (β = 4.63, p < .001).

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass eine Online-Kleingruppen-Intervalltherapie eine hochwirksame Alternative zur Standardversorgung darstellt. Neben der Effektivität sind auch personalressourcen- und kostensparende Aspekte zu beachten. Das teletherapeutische Gruppensetting bietet damit eine vielversprechende Möglichkeit, Versorgungslücken in der logopädischen Praxis zu reduzieren und therapeutische Ressourcen effizienter einzusetzen.

Text

Hintergrund

Etwa 60% aller logopädischen Behandlungen betreffen umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache (ICD-10: F80). Fachkräftemangel und ein steigender Versorgungsbedarf führen zu erheblichen Engpässen in der sprachtherapeutischen Versorgung. Während für Gruppentherapien im Präsenzsetting sowie für Online-Einzeltherapien und Blocktherapien mit hochfrequentem Therapieangebot bereits positive Wirksamkeitsnachweise vorliegen [1], fehlte bislang Evidenz zur Wirksamkeit von Online-Sprachtherapie in Kleingruppen im Intervallformat. Das vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderte Versorgungsforschungsprojekt „THEON – Wirksamkeit einer Online-Intervall-Kleingruppentherapie für Kinder mit umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen” (Förderkennzeichen 01VSF21025) untersuchte daher, ob dieses Therapieformat zu effektiven Verbesserungen sprachlicher Fähigkeiten bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen (SES) führt und ob die Wirksamkeit einer wöchentlichen Präsenz-Therapie ebenbürtig oder sogar überlegen ist.

Methoden

Die THEON-Studie war eine prospektive, randomisierte, kontrollierte Multicenterstudie (randomized controlled trial, RCT). 216 Kinder (3;0 bis 6;11 J.) mit mindestens mittelschwerer SES, ohne gravierende Komorbiditäten und mit Deutsch als Erstsprache bzw. mindestens 10-monatigem Kontakt zur deutschen Sprache wurden zufällig einer Interventionsgruppe (IG, n = 112) oder der Kontrollgruppe (KG, n = 104) zugewiesen. Beide Gruppen erhielten 30 45-minütige Therapieeinheiten; die IG in einem videobasierten Online-Kleingruppen-Intervallformat mit 3 Sitzungen/Woche über 4 und zweimal 3 Wochen und jeweils 3 Monaten Pause dazwischen. Die KG erhielt einmal pro Woche Sprachtherapie im Rahmen der regulären Versorgung als Standard-Einzel-Präsenztherapie.

Neben einer klinischen Evaluation wurden eine gesundheitsökonomische und prozessbezogene Evaluation durchgeführt. Die Auswertung der Sprachtests erfolgte verblindet. Als primäre Endpunkte, erhoben 12 Monate (T1) nach Therapiebeginn (T0), galten die Ergebnisse standardisierter Sprachtests zu:

  1. Sprachverständnis,
  2. Semantik/Lexikon (expressiv),
  3. Mittelwert aus Syntax und Morphologie (expressiv) sowie
  4. Aussprache, operationalisiert als Prozentwert korrekt produzierter Konsonanten und Konsonantenverbindungen; Percentage of Consonants Correct (PCC).

Sekundäre Endpunkte umfassten die Ergebnisse derselben Sprachtests zu T2 (18 Monate nach T0), das phonologische Arbeitsgedächtnis, zwei Compositwerte sowie den Grad der Verständlichkeit im Kontext (Intelligibility in Context Scale; ICS), die Werte des Gießener Beschwerdebogens für Eltern (GBB-24) und für Kinder im Fremdbild (GBB-KJ) sowie die Therapieadhärenz. Compositwert 1 ist ein skalierter Mittelwert der primären Endpunkte unter Einbezug des PCC und des phonologischen Arbeitsgedächtnisses. Compositwert 2 basiert auf einer Hauptkomponentenanalyse (Principal Component Analysis, PCA) der genannten Variablen auf Basis der T0-Daten. Die statistische Auswertung erfolgte mittels linearer Regressionsmodelle mit den Kovariablen T0-Wert, Altersgruppe, Geschlecht und Studienzentrum. Fehlende Werte wurden mittels multipler Imputation behandelt; multiple Tests wurden Bonferroni-adjustiert auf ein Signifikanzniveau von 1,25 %. Die sekundären Analysen zu T2 sind als explorativ zu interpretieren.

Ergebnisse

Die primäre Analyse der vier Endpunkte zu T1 zeigte signifikante Effekte in den Domänen Sprachverständnis, Semantik/Lexikon und Syntax/Morphologie zugunsten der IG, nicht jedoch für den Endpunkt Aussprache. Der Compositwert 1 als übergreifendes Sprachleistungsmaß zeigte ebenfalls die signifikante Überlegenheit der IG zu T1.

In den explorativen Analysen zu T2 (18 Monate) zeigten alle primären Endpunkte signifikant höhere Werte in der IG im Vergleich zur KG, einschließlich des PCC. Der Compositwert 2 bestätigte die Überlegenheit der IG auch im Follow-up. Die Prozessevaluation zeigte, dass die Online-Intervall-Kleingruppentherapie organisatorisch und technisch grundsätzlich gut umsetzbar war und von Eltern sowie Sprachtherapeut*innen überwiegend positiv bewertet wurde; zugleich fielen Akzeptanz, Zufriedenheit und Therapiebindung im Vergleich zur Präsenztherapie heterogener aus. Gesundheitsökonomisch zeigte sich ein relevantes Einsparpotenzial der Online-Intervall-Kleingruppentherapie.

Diskussion

Die THEON-Studie liefert als RCT evidenzbasierte Belege für die Wirksamkeit einer Online-Intervall-Kleingruppentherapie bei Kindern mit SES. Die signifikanten Vorteile in drei von vier primären Endpunkten zu T1, sowie die Bestätigung der Effekte zu T2 belegen die Überlegenheit dieses innovativen Versorgungsformats gegenüber der Standardversorgung. Die fehlende Signifikanz des PCC zu T1 bei deutlicher Verbesserung in beiden Gruppen könnte auf einen verzögert einsetzenden Effekt auf die Aussprache hindeuten, gestützt durch die signifikanten Unterschiede zu T2. Auch ist die Wirksamkeit von Standard-Einzel-Präsenztherapie für den Therapiebereich Aussprache bereits gut belegt [2]. Der Compositwert als integratives Maß untermauert die Gesamtüberlegenheit der Online-Intervall-Kleingruppentherapie.

Die Ergebnisse sind angesichts des Fachkräftemangels und steigender Versorgungsbedarfe von hoher versorgungspolitischer Relevanz. Die Online-Intervall-Kleingruppentherapie ermöglicht eine effizientere Nutzung therapeutischer Ressourcen und bietet Potenzial zur Reduktion von Wartezeiten.

Fazit/Schlussfolgerung

Die Online-Kleingruppen-Intervalltherapie ist der Standard-Einzel-Präsenztherapie in den Bereichen Sprachverständnis, Semantik/Lexikon und Morphosyntax überlegen und stellt eine hochwirksame Alternative zur gängigen Regelversorgung dar. Das teletherapeutische Gruppensetting bietet damit eine effektive Möglichkeit, Versorgungslücken in der sprachtherapeutischen Praxis zu reduzieren und therapeutische Ressourcen effizienter einzusetzen.


References

[1] Alfakiani MS, Siemons-Lühring D, Gietmann C, Mathmann P, Koschmieder S, Hausschild J, Schröder M, Nielinger J, Tücke J, Hirschfelder A, Männel C, Meyer L, Neumann K. Wirksamkeit der Therapie für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen in verschiedenen Settings in Deutschland – erste Ergebnisse der randomisiert-kontrollierten Studie THESES. In: 39. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Köln, 28.09.-01.10.2023. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2023. DocV4. DOI: 10.3205/23dgpp07
[2] Siemons-Lühring DI, Euler HA, Mathmann P, Suchan B, Neumann K. The Effectiveness of an Integrated Treatment for Functional Speech Sound Disorders-A Randomized Controlled Trial. Children (Basel). 2021 Dec 16;8(12):1190. DOI: 10.3390/children8121190