42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Ambulante Schlucktherapie im Fokus: Patient:innenzentrierte Evaluation bei Kopf-Hals-Tumoren, neurologischen Erkrankungen und Presbyphagie
Abstract
Hintergrund: Schluckstörungen durch Kopf-Hals-Tumore (Head- and Neck-Cancer, HNC), neurologische Erkrankungen oder Presbyphagie beeinträchtigen die Lebensqualität stark und stellen eine interdisziplinäre Herausforderung dar. Im deutschen ambulanten System fehlt es jedoch an Evidenz zu patient:innenberichteten Outcomes („patient-reported outcome measures“, PROMs). Wie bewerten Patient:innen die ambulante logopädische Therapie und welche Faktoren beeinflussen die Wirksamkeit?
Unsere Studie evaluiert die subjektive Wirksamkeit und den Nutzens der ambulanten Schlucktherapie aus Patient:innensicht. Untersucht werden Unterschiede zwischen den Ätiologien (HNC, neurologisch, Presbyphagie) sowie weitere Parameter wie der Einfluss von Therapie-Timing und Therapiedichte auf den Behandlungserfolg.
Material und Methode: In dieser prospektiven, fragebogenbasierten Evaluationsstudie (laufende Patient:innenrekrutierung, N=90 geplant) werden Patient:innen mit Dysphagie aufgrund von HNC, neurologischen Ursachen oder Presbyphagie befragt. Zur Erhebung der PROMs dienen standardisierte Instrumente: das Glasgow Benefit Inventory (GBI) zur Lebensqualität sowie der Dysphagia Handicap Index (DHI). Die Datenerhebung erfolgt über einen eigens erstellten Fragebogen. Analysiert werden Gruppenunterschiede sowie Prädiktoren wie der Zeitpunkt des Therapiebeginns und wirksame therapeutische Komponenten.
Ergebnisse: Die vorläufigen Daten von 71 Patient:innen (♂ 43, ♀ 24) zeigen eine hohe Therapiezufriedenheit (83,6%) über alle Gruppen; 76,5% des Gesamtkollektivs bewerten die Therapie als „hilfreich“. Ein früher Therapiebeginn erweist sich als positiver Prädiktor für die Wirksamkeit. Es zeigen sich jedoch strukturelle Defizite, insbesondere eine verzögerte Diagnostik bei Presbyphagie (Mittelwert bis Therapiebeginn: 90 Wochen). Zudem zeigt sich ein „HNC-Paradoxon“: Trotz hoher Therapiezufriedenheit (90,9%) dominiert bei HNC-Patient:innen die Belastung durch organische Spätfolgen (negativer GBI-Score).
Schlussfolgerung: Die Perspektive der Patient:innen ist ein unverzichtbarer Pfeiler der evidenzbasierten Dysphagietherapie. Final belastbare Schlüsse folgen nach Abschluss der Rekrutierung.
Text
Hintergrund
Oropharyngeale Dysphagien sind aufgrund von Aspirationspneumonien, Malnutrition, Dehydratation und reduzierter Lebensqualität eine klinisch relevante interdisziplinäre Herausforderung. In Deutschland wird von etwa 5 Millionen Betroffenen bzw. ca. 7% der Bevölkerung ausgegangen [1]. Für das ambulante Versorgungssystem fehlen jedoch belastbare Daten zu patient:innenberichteten Outcomes („patient-reported outcome measures“, PROMs) [2]. Ziel dieser prospektiven Evaluation ist es, den subjektiven Nutzen ambulanter logopädischer Schlucktherapie aus Patient:innenperspektive zu erfassen und ätiologiespezifische Unterschiede sowie den Einfluss von Therapie-Timing und Therapiedichte zu untersuchen.
Material und Methoden
Es handelt sich um eine prospektive, fragebogenbasierte querschnittliche Evaluationsstudie bei Patient:innen mit Dysphagie infolge von Kopf-Hals-Tumoren (Head and Neck Cancer, HNC), neurologischen Erkrankungen oder Presbyphagie. Die Rekrutierung ist zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht abgeschlossen; geplant ist ein Gesamtkollektiv von N = 90, vorläufig eingeschlossen wurden N = 71 Patient:innen. Für die detaillierte Kohortenbeschreibung lagen n = 67 Datensätze vor (HNC n = 24, neurologisch n = 24, Presbyphagie n = 19; mittleres Alter 65,78 Jahre; Geschlecht w/m = 24/43). Zur Erhebung patient:innenberichteter Outcomes wurden der Glasgow Benefit Inventory (GBI) zur Erfassung interventionsbezogener Lebensqualitätsveränderungen in der HNO-Heilkunde [3], [4] sowie der Dysphagia Handicap Index (DHI) zur Erfassung dysphagiebezogener Belastung eingesetzt [5]. Ergänzend wurde ein eigener Fragebogen zu subjektivem Nutzen, Barrieren, Therapierahmen und hilfreichen Therapiekomponenten verwendet. Analysiert wurden Gruppenunterschiede zwischen den Ätiologien sowie potenzielle Prädiktoren wie Zeitraum bis zum Therapiebeginn und Therapiedichte. Da es sich um eine Zwischenanalyse handelt, sind die Ergebnisse als vorläufig zu interpretieren.
Ergebnisse
In der vorläufigen Gesamtauswertung bewerteten 76,5% der Patient:innen die ambulante Schlucktherapie als hilfreich. Zwischen den Gruppen zeigte sich hierfür ein signifikanter Unterschied (Pearson-Chi-Quadrat: p = 0,021; exakter Test nach Fisher: p = 0,014). Der wahrgenommene Nutzen war in der neurologischen Gruppe am höchsten (95,8%) und lag bei HNC bei 66,7% sowie bei Presbyphagie bei 65,0%. Die allgemeine Therapiezufriedenheit betrug 83,6% und zeigte keine signifikante Gruppenassoziation (p = 0,184); gruppenspezifisch lag sie bei 87,5% (neurologisch), 90,9% (HNC) und 71,4% (Presbyphagie). Der mittlere Zeitraum bis zum Therapiebeginn betrug 42,5 Wochen (Median: 8 Wochen) und war bei Presbyphagie am längsten (Mittelwert: 90 Wochen; Median: 22 Wochen). Ein früherer Therapiebeginn war mit höherer subjektiver Wirksamkeit beziehungsweise Zufriedenheit assoziiert. Für die Therapiedichte zeigte sich kein linearer Zusammenhang. Der GBI-Gesamtmittelwert lag bei M = +2,70 (SD 19,55). Neurologische Patient:innen zeigten einen positiven Trend (M = +10,30), HNC-Patient:innen trotz hoher Zufriedenheit einen negativen Score (M = -3,00) und Patient:innen mit Presbyphagie nur einen geringen Effekt (M = +0,5). Als hilfreich wurden vor allem alltagsnahe Maßnahmen wie Haltungsänderungen und Kompensationsmanöver genannt. Finanzielle Barrieren waren selten; im Vordergrund stehen eher strukturelle Kapazitätsprobleme.
Diskussion
Die Zwischenanalyse bestätigt eine hohe Akzeptanz ambulanter Dysphagietherapie und unterstreicht den Stellenwert von PROMs für Qualitätssicherung und Versorgungsforschung. Die Diskrepanz zwischen hoher Zufriedenheit und heterogener Lebensqualitätsveränderung ist klinisch plausibel, da Dysphagien ätiologiespezifisch unterschiedliche Verläufe, Kompensationsmöglichkeiten und irreversible Belastungen aufweisen. Neurologische Patient:innen scheinen insbesondere rehabilitativ zu profitieren, während bei HNC-Patient:innen eher ein supportiv-erhaltender Nutzen im Vordergrund steht. Das Therapie-Timing erscheint als wichtiger Versorgungsparameter; lange Verzögerungen, besonders bei Presbyphagie, weisen auf eine Versorgungslücke hin. Die fehlende lineare Beziehung zwischen Therapiedichte und Nutzen sollte wegen der begrenzten Varianz im ambulanten Setting vorsichtig interpretiert werden und bedarf weiterer Studien mit differenzierter Erfassung von Frequenz, Dauer, Übungsadhärenz und Therapieinhalten.
Fazit/Schlussfolgerung
Die ambulante logopädische Schlucktherapie wird in dieser Zwischenanalyse von Patient:innen mit HNC, neurologischen Erkrankungen und Presbyphagie überwiegend als hilfreich und zufriedenstellend bewertet. Ein früher Therapiebeginn scheint den subjektiven Therapieerfolg zu begünstigen. Verzögerte Diagnostik, begrenzte therapeutische Kapazitäten und Fachkräftemangel bleiben zentrale Herausforderungen. Die Patient:innenperspektive sollte daher als unverzichtbarer Pfeiler systematisch in evidenzbasierte Dysphagietherapie, Heilmittelsteuerung und zukünftige Versorgungsstudien integriert werden. Final belastbare Schlussfolgerungen folgen nach Abschluss der geplanten Rekrutierung.
References
[1] Wirth R, Dziewas R. Neurogene Dysphagie [Neurogenic dysphagia]. Internist (Berl). 2017 Feb;58(2):132-40. DOIi: 10.1007/s00108-016-0178-8[2] Brockmann-Bauser M. Der Deutsche Sydney Swallow Questionnaire. HNO. 2021.
[3] Hendry J, Chin A, Swan IR, Akeroyd MA, Browning GG. The Glasgow Benefit Inventory: a systematic review of the use and value of an otorhinolaryngological generic patient-recorded outcome measure. Clin Otolaryngol. 2016 Jun;41(3):259-75. DOI: 10.1111/coa.12518
[4] Robinson K, Gatehouse S, Browning GG. Measuring patient benefit from otorhinolaryngological surgery and therapy. Ann Otol Rhinol Laryngol. 1996 Jun;105(6):415-22. DOI: 10.1177/000348949610500601
[5] Silbergleit AK, Schultz L, Jacobson BH, Beardsley T, Johnson AF. The Dysphagia handicap index: development and validation. Dysphagia. 2012 Mar;27(1):46-52. DOI: 10.1007/s00455-011-9336-2



