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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Braucht es eine FEES vor einem Tracheostomaverschluss? Balance zwischen Atmung und Schlucken

F. Kraus - Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Universitätsklinikum Würzburg, Interdisziplinäres Zentrum für Stimme und Schlucken, Würzburg, Deutschland
D. Bertelsmann - Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Universitätsklinikum Würzburg, Interdisziplinäres Zentrum für Stimme und Schlucken, Würzburg, Deutschland
S. Hackenberg - Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Universitätsklinikum Würzburg, Interdisziplinäres Zentrum für Stimme und Schlucken, Würzburg, Deutschland

Abstract

Hintergrund: Der Tracheostomaverschluss (TSV) markiert einen entscheidenden Schritt in der funktionellen Rehabilitation tracheotomierter Patienten. Die Indikation ergibt sich nicht ausschließlich aus einer suffizienten Schluckfunktion, sondern häufig auch aus einer stabilisierten Atmung. Daher ist die Beurteilung der postoperativen Schluckfunktion und möglicher Komplikationen für das interdisziplinäre Management von zentraler Bedeutung. Ziel dieser Untersuchung war es, das Auftreten von Dysphagien und Komplikationen nach TVS zu erfassen und deren Zusammenhang mit Grunderkrankung und Stomaart zu analysieren.

Material und Methode: Untersucht wurden retrospektiv 114 Patient (76 m, 3 w), die sich in einem definierten Zeitraum einem TVS unterzogen. Das mediane Alter bei Tracheotomie betrug 60,5 Jahre (4–85 J.), die mediane Dauer bis zum Verschluss 41,5 Tage (9–6058 Tage). Erfasst wurden Indikation zur Tracheotomie, Art des Stomas, postoperative Komplikationen sowie das Ergebnis der Schluckdiagnostik mittels FEES. Zusätzlich wurde die Art der Ernährung (oral, PEG, NPO) dokumentiert.

Ergebnisse: Häufigste Grunderkrankungen waren neurovaskuläre Ereignisse (SAB/ICB, n = 13) sowie maligne Kopf-Hals-Tumoren (n = 36). In 53 Fällen erfolgte ein plastischer Stomaverschluss, in 7 Fällen lag ein Notfall- oder dilatativer Zugang vor. Postoperative Komplikationen traten in 10 Fällen (16,7%) auf, überwiegend subkutane Emphyseme (n = 7), Fisteln (n = 2) und eine Narbenbildung mit Larynxelevation (n = 1). Eine FEES wurde in 50 Fällen (83%) durchgeführt. Eine Dysphagie wurde bei 34 Patient:innen (56,7%) nachgewiesen, davon oropharyngeale Transportstörung (n = 15), Retention (n = 10), Penetration (n = 3) und Aspiration (n = 6). Zwanzig Patienten wurden über PEG ernährt, sieben waren zum Zeitpunkt der Untersuchung non per os.Im dritten Fall wurde bei einem Patienten mit Kopf-Hals-Tumor im Rahmen einer FEES non per os indiziert, im weiteren Verlauf jedoch ambulant ein oraler Kostaufbau durchgeführt. Dies führte zu wiederholten stillen Aspirationen und einem prolongierten Verlauf.

Schlussfolgerung: Mehr als die Hälfte der Patient:innen zeigte nach TSV eine relevante Dysphagie, meist oropharyngealer Genese. Dennoch war die Schluckfunktion nicht in allen Fällen führend für die Indikationsstellung zum Verschluss, da häufig eine stabile respiratorische Situation den entscheidenden Faktor darstellte. Post-OP Komplikationen waren insgesamt selten. Die Ergebnisse heben hervor, dass der TVS eine multidisziplinäre Beurteilung inklusive FEES erfordert.

Text

Hintergrund

Der Tracheostomaverschluss (TSV) ist ein zentraler Schritt in der Rehabilitation tracheotomierter Patient:innen. Die Indikation ergibt sich nicht nur alleinig aus der Schluckfunktion, sondern auch aus einer stabilen laryngealen Atmung, suffizientem Hustenstoß, Sekretmanagement und gesicherter Ernährung. Eine nicht erkannte Dysphagie mit Penetration oder Aspiration kann den postoperativen Verlauf gefährden. Die flexible endoskopische Evaluation des Schluckens (FEES) erlaubt die direkte Beurteilung von Sekretmanagement, pharyngealen Residuen, Penetration, Aspiration und Schutzreflexen. Ziel dieser Untersuchung war es, dysphagische Befunde und Komplikationen im Kontext des TSV zu erfassen und Konsequenzen für ein strukturiertes perioperatives Management abzuleiten.

Material und Methoden

In die retrospektive Analyse wurden Patienten:innen mit einem TSV zwischen Oktober 2023 und Oktober 2025 eingeschlossen. Erfasst wurden demographische Daten, Dauer zwischen Tracheotomie und TSV, Grunderkrankung, Art der Tracheostomaanlage, präoperative FEES, Dysphagiebefunde, Ernährungsart und postoperative Komplikationen. Die Auswertung erfolgte deskriptiv. Die funktionelle Beurteilung vor TSV orientierte sich an den Dimensionen Atmung, Schlucken und Ernährung und berücksichtigte zusätzlich Laryngoskopie, Tracheoskopie sowie die Toleranz eines Verschlusses der Kanüle bzw. ein Abkleben des Tracheostomas.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 114 Patient:innen eingeschlossen; 76 waren männlich (67%) und 38 weiblich (33%). Das mediane Alter betrug 62 Jahre (4–85 Jahre), die mediane Dauer von der Tracheotomie bis zum TSV 38 Tage (9–6058 Tage). Häufigste Grunderkrankungen waren maligne Kopf-Hals-Tumoren (61/114; 54%), darunter Oropharynxkarzinome (n=24), Mundhöhlenkarzinome (n=15), Larynxkarzinome (n=13) und Hypopharynxkarzinome (n=9). Ein Z. n. intrakraniellen Blutungen lagen bei 19 Patient:innen (17%) vor, Abszesse im HNO-Bereich bei 7 (6%) und Larynxfrakturen bei 5 (4%). Eine plastische Tracheostomaanlage war in 107/114 Fällen (94%) dokumentiert, eine dilatative Anlage in 7/114 (6%). In 5 Fällen (4,4%) erfolgte die plastische Tracheotomie nach einer Notfallkoniotomie, in 4 Fällen (3,5%) war eine Notfalltracheotomie in Lokalanästhesie durchgeführt worden.

Eine FEES vor Verschluss erfolgte bei 94/114 Patient:innen (82,5%); 20/114 (17,5%) erhielten keine präoperative FEES. Bei 80/114 Patient:innen (70,2%) wurde eine Dysphagie diagnostiziert. Im Vordergrund standen oropharyngeale Transportstörungen gefolgt von Retentionen und Penetrationen. Aspirationen mit PAS 6–8 (Penetrations-Aspirations-Skala nach Rosenbek) waren insgesamt selten (Abbildung 1 [Abb. 1]). Eine PEG wurde in 13,2% belassen. 15 Patient:innen waren zum Zeitpunkt der Beurteilung non per os (16%). Als postoperative Komplikationen nach TSV traten in 10,5% Fisteln, 7,9% Emphyseme, 0,9% Narben mit eingeschränkter laryngealer Elevation und in 0,9% subcutane Abszesse auf (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Abbildung 1: Häufigkeit von Penetration/Aspiration in der Penetrations-Aspirations-Skala n. Rosenbek (n = 94)

Abbildung 2: Komplikationen nach Tracheostomaverschluss (n = 114)

Diskussion

Dysphagien liegen bei 70,2% der Patienten, die eine TSV erhalten sollen, vor. Die häufigsten Störungen finden sich im oropharyngealen Bereich. Schwerwiegende Aspirationen mit PAS 8 sind mit 1,8% selten. Allerdings ist im vorliegenden Patientenkollektiv ein hoher Anteil von Kopf-Hals-Tumoren vorhanden, die insbesondere durch Operationen mit Lappenrekonstruktionen, Radiatio, Sensibilitätsstörungen und Einschränkungen der laryngealen Elevation entlang der Schluckstraße zu strukturellen Veränderungen führen können. Gleichzeitig war die Schluckfunktion nicht in jedem Fall allein entscheidend für die Indikation zum Verschluss. Ein TSV kann auch mit einer (schweren) Dysphagie bei stabiler respiratorischer Situation unter der Maßgabe eines „non per os“ indiziert werden. Hierzu ist eine systematische Diagnostik inklusive FEES unerlässlich. Die FEES sollte dabei nicht isoliert als „Freigabe“ oder „Kontraindikation“ verstanden werden, sondern als zentraler Bestandteil eines Gesamt-Assessments. Daher sollte bei jedem Patienten vor einem TSV eine FEES durchgeführt werden. Praktisch ergibt sich ein standardisierter Ablauf mit Beurteilung von laryngealer Atemwegspassage und Stimmlippenfunktion, FEES mit Sekret- und Aspirationsbeurteilung, Tracheoskopie, klinischer Dekanülierungsprüfung und Ernährungsplanung. Dabei müssen unterschiedliche Indikationen, die zur Tracheotomie geführt haben, berücksichtigt werden.

Fazit/Schlussfolgerung

Eine FEES vor TSV ist als wesentlicher Baustein des präoperativen Assessments zu bewerten. Bei 82 % des Kollektivs wurde sie durchgeführt; zugleich zeigten 70,2% dysphagische Befunde und in 4,5% wurde durch die FEES eine Aspiration detektiert. Der TSV sollte daher als funktioneller Rehabilitationsschritt an der Schnittstelle von Atmung, Schlucken und Stimme verstanden werden. Ein strukturiertes perioperatives Management mit Laryngoskopie, Tracheoskopie und FEES kann Risiken frühzeitig erkennen und die Indikation zum Verschluss individuell absichern.


References

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